Immer wieder wird in Medien behauptet, der Klimawandel könne zu häufigeren Kältewellen führen. Diese These ist laut Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski nicht nur überholt, sondern längst widerlegt. In seiner aktuellen Kolumne in der Welt spricht er von einer «Medienlegende», die trotz gegenteiliger Datenlage hartnäckig weiterverbreitet werde.
Jens Büttner/Keystone
Die Theorie besagt, dass ein durch die Erderwärmung geschwächter Jetstream arktische Kaltluft nach Süden lenkt und so für tiefere Wintertemperaturen sorgt. Bojanowski erinnert daran, dass diese Idee ursprünglich auf eine einzelne Studie von 2012 zurückgeht, inzwischen aber Eingang in Schulbücher, Wetterberichte und politische Kommunikation gefunden hat. Auch der damalige US-Wissenschaftsberater John Holdren stützte sich öffentlich auf die Theorie.
Doch aktuelle Klimamodelle und internationale Daten sprechen eine andere Sprache. Laut Weltklimarat IPCC und der US-Wetterbehörde NOAA nehmen weltweit sowohl Häufigkeit als auch Schärfe von Kälteextremen ab – besonders deutlich in Nordamerika, Nordeuropa und Russland. Bojanowski weist darauf hin, dass sich die kältesten Nächte inzwischen dreimal schneller erwärmen als die Durchschnittstemperatur weltweit.
Auch meteorologische Statistiken zeigen: Der Jetstream ist nicht instabiler geworden, sondern eher stärker. Wellenbewegungen, die Kaltlufteinbrüche begünstigen könnten, liegen weiterhin im natürlichen Bereich. «Die Theorie hält dem Abgleich mit Beobachtungen und Modellen nicht stand», schreibt Bojanowski. Und doch werde sie weiterhin als Beleg für die Vielschichtigkeit des Klimawandels herangezogen.
Kälteeinbrüche, so Bojanowski, wird es auch künftig geben, aber weniger oft und weniger heftig. Eine unbequeme Erkenntnis für jene, die jede Wetterlage dem Klimawandel zuschreiben möchten.