Davos
Braucht es das Davoser Wirtschaftsforum? Ja, unbedingt, aber nur als realpolitische und realwirtschaftliche Veranstaltung, nicht als Zeitgeistfestival. Und dies in einer weltweit respektierten neutralen Schweiz und nicht in einer selbstgefährdenden Schweiz der Möchtegerngrossen.
Die neuen Chefs stürzten Gründer Klaus Schwab letztes Jahr in einer Palastrevolution der Peinlichkeiten. Der Erfinder und Methusalem des World Economic Forum (WEF) wollte nicht gehen. Zum Verhängnis wurde ihm am Ende seine Vitalität. War es ein Verbrechen, dass Picasso noch im hohen Alter seinen Pinsel nicht beiseitelegen wollte?
Illustration: Fernando Vicente
Das Forum wolle in Zukunft, sagte Mit-Präsident Larry Fink von Blackrock, keine Echokammer sein, mehr zuhören, auch mit Andersdenkenden reden: Dialog statt Monolog. Das jährliche Stelldichein der Mächtigen, Reichen und Gebildeten kommt zu einer einschneidenden Erkenntnis: Gespräch schlägt Selbstgespräch.
Tatsächlich verkümmerte das Forum in den letzten Jahren wohl etwas zu einer Kanzel erbaulicher Verkündigungen. Als Weltwirtschaftstreffen des schlechten Gewissens hatte sich das WEF höchstwahrscheinlich festgefahren, Opfer auch seines stratosphärischen Erfolgs, den Klaus Schwab aus dem Nichts auf dem Davoser Zauberberg heraufbeschwor.
Man muss es hier der guten Ordnung -halber festhalten: Das Wirtschaftsforum ist die bedeutendste, wichtigste, interessanteste Konferenz der Welt, eine titanische Leistung des Gründers, auch und gerade in ihren sie vermenschlichenden Irrtümern, Anmassungen und Fehleinschätzungen. Dass sich die Kreatur am Ende gegen ihren Schöpfer wandte, ist ein Stoff der Weltliteratur.
Fast etwas Wehmut und eine Prise Mitleid kamen auf, als am Eröffnungstag Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron trotzig ihre Hymnen auf «Europa» sangen. Was hätten sie auch anderes tun sollen? Von der Leyens Ansprache war der Versuch, den Trumpismus wenigstens rhetorisch und brüsselsprachlich einzufangen. Ihr Vortrag war ein Pyrofeuerwerk von Ankündigungen, gipfelnd in der heldenhaften Hohlformel: «Europa wählt die Welt, und die Welt ist bereit, Europa zu wählen.»
Kollege Emmanuel Macron trat mit verspiegelter Pilotenbrille auf wegen einer Augenentzündung, aber mit ungebremstem Selbstvertrauen. Sein Plädoyer galt den internationalen Regeln, an die sich niemand hält. Trumps Griff nach Grönland nannte er «Kolonialismus», der allerdings mit «Moralismus» nicht zu stoppen sei. Es war das Referat eines Mannes, der jede Rolle spielen kann.
Interessant waren die Auftritte des US-Präsidenten Donald Trump, der mit grosser Entourage anreiste. Seine kaum mehr enden wollende Rede war das Klagelied eines Amerikaners, der sich von den Europäern unverstanden fühlt. Kernbotschaft: Wir haben alles für euch getan, Weltkriege gewonnen, Aggressoren abgeschreckt, euch reich gemacht, und als Gegenleistung verlange ich doch nur ein Stück Eis in der Arktis!
Trump nahm seine Drohungen gegen die Europäer zurück, weder Gewalt noch Zölle, und so löste sich das Grönland-Drama, in dem manche schon einen Casus Belli sahen, in Beteuerungen gegenseitiger Wertschätzung auf. Davor allerdings zeichnete Trump das Bild einer EU der Windräder, des wirtschaftlichen Niedergangs und der migrationsgetriebenen Verlotterung, dem nur schwerlich zu widersprechen war.
Mit einer etwas seltsamen Zeremonie rief der US-Präsident tags darauf den auf ihn zugeschnittenen «Friedensrat» ins Leben. Die Medien sind voller Häme und Schadenfreude angesichts dieser neusten trumpschen -Initiative, doch der tatkräftige, unkonventionelle Politiker liegt sicher richtig, wenn er in Zeiten des Krieges und der Kriegsrhetorik ein Gremium begründet, das sich dem Frieden widmen will.
Nach diesem WEF sind sich alle einig, dass wir in neuen Zeiten leben. Ungarns Premier Viktor Orbán, der eigens für Trumps Friedensrat anreiste, spricht vom «Zeitalter der Nationen». Im Gespräch mit der Weltwoche gab er den kleineren Staaten Überlebenstipps: Sammle Freunde, keine Feinde! Blockdenken ist Gift! Unabhängigkeit ist Trumpf. Ballast abwerfen. Konzentration aufs Wesentliche. Fluchtwege offenhalten!
Aus deutscher Sicht bleibt der Auftritt von Friedrich Merz erwähnenswert. Er hielt eine sachliche, nüchterne und zutreffende Rede nahe an der Wirklichkeit. Wie kein anderer Staat ist Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als Musterland einer neuen internationalen Ordnung wiederaufgebaut worden. Kein Wunder, stellt es die Deutschen vor erhebliche intellektuelle Herausforderungen, wenn diese Ordnung nun zerfällt.
Im Unterschied zu allen anderen Staaten löst die neue Parole «Zurück zum Nationalstaat» in Deutschland nicht nur Jubel aus, denn die Bundesrepublik als Pfeiler der europäischen Vereinigung wurde auf der gegenteiligen Philosophie, auf der Idee der Überwindung des Nationalen errichtet. «Nationalstaat», «national» – das sind für viele Deutsche, verständlich, Giftbegriffe aus der politischen Sondermülldeponie.
Merz zuzuhören, ist ein schmerzliches Erlebnis. Man begegnet einem Politiker, der verbindlich und vernünftig spricht, die richtigen Gedanken hat und die Theorie im Griff. Sein Problem aber ist die Praxis, ist die Umsetzung. Hätte dieser Kanzler die Kraft, seinen Programmen nachzuleben, man müsste sich um das so wenig aus seinen gewaltigen Möglichkeiten machende Deutschland nicht mehr sorgen.
Nachtrag: Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte seinen jährlichen WEF-Auftritt, diesmal auffällig aggressiv. Sein Referat war ein einziger Marschbefehl an ein «schwaches Europa», an dem sich andere die Schuhe abstreifen würden. Selenskyj forderte noch mehr Waffen, Geld und Krieg gegen Russland. Europa müsse endlich «Grossmacht» werden. Das Wort «Grossmacht» fiel beunruhigend oft.
«Zusammen sind wir unbesiegbar», proklamierte in einem Anflug von Grössenwahn der Präsident, dem zu Hause Korruptionsfälle zu schaffen machen. Das Davoser Publikum applaudierte stehend, doch kaum einer dieser WEF-Teilnehmer wäre wohl bereit, seine Knochen für die Ukraine hinzuhalten. Selenskyjs Frust war nachvollziehbar, doch seine Rede blieb ein gefährliches Feuerwerk an Weltkriegsfantasien.

