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Selenskyjs Spiel mit dem Feuer

Selenskyjs Spiel mit dem Feuer

Selenskyjs Angriff auf Russlands Atom-Luftwaffe ist brandgefährlich. Der Westen tanzt den «Apocalypso» auf dem nuklearen Vulkan.

Im Unterschied zu so ziemlich allen Journalisten, die ich kenne, halte ich den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für einen brandgefährlichen Hasardeur. Ich weiss, dass man das nicht sagen, bestenfalls nur denken darf. Es ist mir bekannt, dass sich dieser Politiker in einer unglaublich schwierigen Situation befindet. Sein Land ist Opfer einer militärischen Invasion. Seine Soldaten sterben zu Tausenden an der Front. Die Waffenarsenale gehen zur Neige. Neue Rekruten müssen gewaltsam rekrutiert werden. Der mächtigste Verbündete, Amerika, droht sich abzuwenden. Militärisch ist dieser Krieg für Selenskyj verloren, und politisch kann er sich vielleicht nur deshalb oben halten, weil er die Opposition im Lande unterdrückt, im Westen allerdings als Freiheitsheld und Superdemokrat bejubelt wird.

ANDREAS ARNOLD / KEYSTONE
Stich ins Herz der Nuklearmacht Russland: Hasardeur Selenskyj.
ANDREAS ARNOLD / KEYSTONE

 

Miserabler Staatsmann 

Man muss ihm zugutehalten, dass er nicht einfach abhaute, als die Russen damals einmarschierten. Viele trauten dem früheren Schauspieler diese Standfestigkeit nicht zu, diesen Mut, diesen Durchhaltewillen, den er auch geschickt inszenierte. Persönlich war mir Selenskyj nie sympathisch. Ich fand sein Auftreten arrogant und undankbar, seine raspelnde, gebieterische Stimme, doch das waren verbotene, heimliche Gedanken, die ich mir mit dem Argument betäubte, man könne von einem Staatsmann, dessen Land sich im Krieg befindet und diesen verliert, keine zuvorkommend-entspannte Lockerheit erwarten. Das wäre angesichts des Drucks und der Probleme tatsächlich zu viel verlangt. Doch der Kult, der um Selenskyj bald betrieben wurde, ist ungesund, politisch schädlich, auch deshalb, weil jeder Widerspruch, jede Kritik an Selenskyj bis vor kurzem verboten war. 

Dabei ist seine Leistung als Staatsoberhaupt miserabel. Selenskyj unternahm nichts, um den seit 2014 laufenden Bürgerkrieg gegen die russischsprachige Minderheit im Osten der Ukraine zu stoppen. 14 000 seiner Landsleute kamen unter dem Feuer seiner Regierungstruppen ums Leben. Anstatt das Gemetzel zu stoppen, liess es Selenskyj zu, dass seine ultranationalistischen Mitstreiter Dutzende von Denkmälern des ukrainischen Kriegsverbrechers, Nazi-Kollaborateurs und in Israel geächteten Judenmörders Stepan Bandera -errichteten. Das ist, als ob sie in Deutschland Statuen für Adolf Eichmann oder Reinhard Heydrich aufstellen würden. Natürlich haben die Russen die Konflikte und Spannungen innerhalb des zerrissenen Landes mitangeheizt, aber als Präsident eines weniger mächtigen Staates wäre es Selenskyjs Pflicht gewesen, rechtzeitig mit Moskau einen Ausgleich, einen Kompromiss und nicht die Konfrontation zu suchen. 

 

Putins Katastrophe

Gegenwärtig sind unsere Medien ausser sich vor Freude über die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Stellungen, darunter Teile der nuklearen Bomberflotte. Man wundert sich, warum diese Langstreckenflieger dermassen ungeschützt und somit verwundbar auf ihren Pisten standen. Der Grund ist einfach: Die unter US-Präsident Barack Obama neu verhandelten Start-Verträge verlangen, dass die Atombomber zu Inspektionszwecken gut sichtbar aufzustellen sind. Selenskyjs Drohnen-Attacke auf die gewollt unbeschirmte, strategische Luftwaffe, mit Sicherheit unterstützt von den amerikanischen oder britischen Geheimdiensten, ist ein Stich ins Herz der russischen Nuklearmacht. Der ukrainische Präsident greift damit gewaltsam ins internationale Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Atommächten ein und legt, verantwortungslos, einen hochexplosiven Sprengsatz an einen Stützpfeiler der Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Für Russlands Präsidenten Putin ist das Überraschungsattentat auf seine nukleare Abschreckungsinfrastruktur ein Super-GAU, eine Riesenblamage, eine Katastrophe, vielleicht noch schlimmer als der Angriff der Hamas auf jüdische Siedler für Israels Premier Netanjahu am 7. Oktober 2023. So etwas hat es in dieser Form noch nie gegeben. Undenkbar etwa, dass strategische B-52-Bomber des Typus «Strato-fortress» auf amerikanischem Boden durch Russendrohnen in die Luft gejagt würden. Offenbar haben Putins Geheimdienste, hat die Abwehr total versagt. In Russland kursiert bereits der bittere Scherz, Stalin hätte längst Erschiessungskommandos losgeschickt, um die Verantwortlichen an die Wand zu stellen. Russische Blogger nennen es Putins «Pearl Harbor», eine Anspielung auf den Angriff der Japaner gegen eine US-Flotte, der den Pazifikkrieg entfesselte – und schliesslich den Abwurf zweier Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. 

 

Neue Eskalationsstufe

Im Westen dominiert die Schadenfreude. Die Journalisten jubeln Selenskyj zu, loben den Ukrainer für seine kühne Attacke, die man als legitimen Vergeltungsschlag gegen russische Drohnenangriffe auf die Ukraine verharmlost. Verschwiegen wird, dass die Ukrainer seit Monaten schwere Drohnenangriffe gegen Russland fliegen. Mehr als 500 waren es in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai im Vorfeld der Weltkriegsfeierlichkeiten in Moskau, Kasan und Kras-no-dar. Selenskyjs Schlag gegen die russische Nuklearflotte markiert jetzt eine ganz neue Qualität, die gefährlichste Eskalationsstufe in diesem Krieg, unter Umständen tatsächlich jenen «Pearl-Harbor»-Moment, der vor 80 Jahren Japan am Ende in ein atomares Inferno stürzte. 

Ein Grund zur Freude, zum Jubelgeschrei ist das nicht. Im Gegenteil. Es kann einen nur mit grösster Sorge erfüllen. In Moskau war es zunächst gespenstisch still, Ruhe vor dem Sturm. Inzwischen haben Putin und US-Präsident Trump telefoniert. Das Gespräch dauerte 75 Minuten. Der russische Staatschef kündigte eine «angemessene» Vergeltung an. Der Amerikaner riet ihm davon ab, doch scheint Trump nichts vom Anschlag gewusst zu haben. Liessen ihn die eigenen Geheimdienste im Dunkeln? Der terroristische Drohnenangriff zeigt, wie weit hohe Nato-Kreise zu gehen mittlerweile bereit sind,  um die dem Westen drohende Niederlage notfalls mit der Nuklearbrechstange abzuwenden.

  Selenskyj und seine Unterstützer zeuseln mit dem Atomkrieg. Der Westen tanzt den «Apocalypso» auf dem nuklearen Vulkan. Wir stehen wieder an einem Siedepunkt dieses Kriegs.  Wer jetzt glaubt, die Russen würden klein beigeben, geschockt die Waffen strecken, lebt in der Fantasie. Wir haben keine Standleitung in Putins Hirn, aber Gewährsleute im Umfeld des Präsidenten gehen vom Gegenteil aus. Russland werde, ähnlich wie Israel, «die Handschuhe ausziehen» und zurückschlagen, zurückschlagen müssen. Einer, der Putin sehr gut kennt, sagt: «Man kann ihn nicht weichklopfen.» Bleibt Putin cool? Wie die Reaktion aussehen wird, ist bei Redaktionsschluss nicht absehbar. Von der Kündigung nuklearer Kontrollverträge bis hin zum Einsatz weitreichender Waffen ist alles Mögliche vorstellbar. 

 

Selenskyj will keinen Frieden

Mit seinem unverantwortlichen Vorstoss ins nukleare Minenfeld der Grossmächte torpediert Selenskyj nicht nur die Stellung des russischen Präsidenten. Er sprengt, stört massiv den sich anbahnenden Friedensprozess zwischen den USA und Russland. Man weiss jetzt, hat es schwarz auf weiss, dass Selenskyj keinen Frieden will, sondern den Krieg. So lange, bis eine Seite endgültig, tot und besiegt, eingeäschert und final zerbombt, am Boden liegt. Ahnen seine westlichen Unterstützer eigentlich, dass sie dieser gefährlich losgelöste Alleinherrscher in seinen Weltenbrand hineinziehen will? Anstatt ihn zu bremsen, ermutigen ihn seine westlichen Sponsoren noch. Die EU fährt ihr 18. Sanktionspaket gegen Russland hoch. Symbolträchtig ist vor allem die endgültige Boykottierung, Abwicklung der Nord-Stream--Pipelines 1 und 2. Da soll es kein Comeback geben. Es ist, als ob Europa alle Taue kappt. Man sagt sich von Russland los, endgültig.

Das sind unheilvolle Zeichen. Mit den Russen darf es in Zukunft keinerlei Handel mehr geben. Das Friedensprojekt Europa ist auf Krieg gepolt, eine Heimsuchung der eigenen Vergangenheit. Fast am fanatischsten an der neuerlichen Zerschneidung, Zerteilung Europas arbeiten die Deutschen, ausgerechnet die so geschichtsbeflissenen Deutschen, die gegenüber Russland ihre historische Schuld nach einem Vernichtungskrieg mit 26 Millionen toten Sowjetbürgern offenbar vergessen haben. Hier wirkt und wütet ein weltfremder Moralismus, ein entfesseltes Gutmenschentum. Die Deutschen sind so sehr damit beschäftigt, sich und der Welt zu beweisen, einmal mehr, dass sie heute auf der richtigen, auf der guten Seite der Geschichte stehen. Sie merken gar nicht, wie ihnen das Gute unter der Hand ins Böse, Selbstzerstörerische umschlägt. Kann wenigstens US-Präsident Trump den Frieden retten, indem er ihn herstellt? Man muss es hoffen. 

 

Die Schweiz braucht keine Feinde

Aus Washington vernehmen wir gemischte -Signale. Die US-Republikaner misstrauen dem friedensfreundlichen Verständigungskurs ihres Präsidenten. Viele von ihnen wollen den Ukraine-Krieg benutzen, um – «bis zum letzten Ukrainer» – Russland als strategische Grossmacht auszuschalten. Sie glauben nicht an eine «multipolare Ordnung» gleichberechtigter Mächte, sondern klammern sich an die nach dem Kalten Krieg eroberte US-Hegemonie. Die Frage ist, ob die Amerikaner noch stark genug sind, ihre Ansprüche durchzusetzen. Vermutlich nicht. Trump hat das -erkannt. Er hat auch gewisses Verständnis für die russische Position, für die Kritik an der Nato-Ostausdehnung, die den Krieg in die Ukraine trug. Ob er sich gegen die Falken unter den Konservativen durchsetzen wird, ist offen. Trumps Mitstreiter Lindsey Graham warb auf seiner Deutschland-Reise jedenfalls für einen knüppelharten Russland-Kurs.  

Der Krieg lodert wieder hoch. Die Eskalationsgefahr ist so gross wie nie. Was heisst das für die Schweiz? Sie muss sich auf ihre traditionelle Neutralität besinnen. Der Bundesrat soll aufhören mit dem Wirtschafts- und Sanktionskrieg gegen Russland. Macht Kanzler Merz mit seiner Ansage ernst, deutsche Mittelstreckenraketen Marke «Taurus» gegen Russland einzusetzen, sind Szenarien denkbar, in denen russische Langstrecken-Missile deutsche Städte treffen. Der Krieg wäre dann angekommen in der unmittelbaren Schweizer Nachbarschaft. Was braucht es noch, um den kriegsbeflissenen Moralisten und neutralitätsmüden Gernegross-Politikern in Bern die Dringlichkeit der Lage aufzuführen? Ist die Schweiz neutral, schrumpft die Wahrscheinlichkeit, dass sie angegriffen wird. Öffnet sie sich militärischen Bündnissen wie der Nato, macht sie sich zur Kriegspartei. Die Schweiz muss zur Neutralität zurück. Warum? Weil sie keine Feinde braucht. 

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