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Schwule wählen Marine le Pen: Warum Homosexuelle in Frankreich mit den Grünen und Linken brechen

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Schwule wählen Marine le Pen: Warum Homosexuelle in Frankreich mit den Grünen und Linken brechen
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Nach der Auflösung des Parlaments im Sommer der woken Olympischen Spiele bastelten sich die zerstrittenen Linksparteien eine «Neue Volksfront» zurecht. Dank des «republikanischen Reflexes» gegen den Faschismus – der Brandmauer – erhielten sie im Parlament eine relative Mehrheit. Als Nachfolgerin des homosexuellen Premierministers Gabriel Attal wollten sie die parteilose Lesbe Lucie Castets einsetzen, eine Spitzenbeamtin im Pariser Rathaus.

Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.
French far-right leader Marine Le Pen reacts as French Prime Minister Sebastien Lecornu delivers his policy speech at the National Assembly, Tuesday, Oct
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Die Idee stammte von Marine Tondelier, der Parteipräsidentin der Grünen, die bei der Europawahl im Juni 2024 von 13,5 auf 5,5 Prozent abgestürzt waren. Tondelier hat ihre gesamte politische Karriere gegen Marine Le Pen geführt – in deren Wahlkreis sie lebt.

Emmanuel Macron lehnte ab und ernannte stattdessen den bürgerlichen Michel Barnier zum Regierungschef. Der erste Einwand der Linken: Barnier habe 1981 im Parlament gegen die «Befreiung» der Homosexualität gestimmt. Das taten damals sämtliche Abgeordneten seiner Partei, der gaullistischen Republikaner.

Zudem ging es gar nicht um eine «Befreiung» der Homosexualität: Sie war in Frankreich nie verboten. Es ging lediglich um die Angleichung des Schutzalters für sexuelle Beziehungen. Diesen Unterschied hatte die letzte Regierung vor dem Krieg geplant, Pétain umgesetzt und de Gaulle beibehalten. Anlass waren die Zustände in der Marine. Im Übrigen spielten

Homosexuelle im Vichy-Regime und in der Kollaboration eine überaus aktive Rolle – Jean-Paul Sartre hat das drastisch beschrieben.

Die Grünen verstehen sich als Partei der Minderheiten, ihrer Emanzipation und Gleichstellung. Ihr Aushängeschild Sandrine Rousseau präsentiert ihren Ehemann in den Medien als «dekonstruierten Mann». Ihren Fraktionschef im Parlament, Julien Bayou, liessen sie nach Vorwürfen psychischen Missbrauchs seiner Lebensgefährtin gnadenlos fallen. Vom Gericht wurde er freigesprochen, von der Partei nie rehabilitiert.

Nun erschüttert ein neuer Fall grüner Doppelmoral die Partei und die Neue Volksfront. Schauplatz ist Saint-Ouen, eine Vorstadt von Paris. Im März finden landesweit Kommunalwahlen statt. Als Spitzenkandidatin der Grünen wurde die lokal beliebte und verankerte Sabrina Decanton nominiert. Vor wenigen Tagen warf sie das Handtuch: Sie sei Opfer einer homophoben Kampagne geworden, als «nicht ganz ideale» Kandidatin werde sie gemobbt.

Nicht von der Bevölkerung – sondern aus der eigenen Partei. Aus Angst, ihr würden die Stimmen der Muslime fehlen. Mit ihnen will Jean-Luc Mélenchon 2027 in die Stichwahl kommen. Ein Duell mit den «Neofaschisten» Marine Le Pen oder Jordan Bardella ist seine einzige Chance. Wenn in der Banlieue oder in der Provinz im Rudel auf Homosexuelle eingedroschen wird, sind für die Linke stets die «Rechtsextremisten» verantwortlich. «Die Homophobie ist in der Banlieue nicht stärker verbreitet als in Versailles», der Hochburg der Katholiken, liess die gecancelte Sabrina Decanton verlauten.

Soziologen und Demoskopen sehen das anders. 63 Prozent der gläubigen Muslime halten Homosexualität für eine «Krankheit» oder «Perversion». So war es einst auch in den westlichen Gesellschaften. Inzwischen teilen nur noch 14 Prozent der Katholiken diese Vorurteile. Für 85 Prozent der Franzosen ist Homosexualität heute eine Variante menschlicher Sexualität. Die Emanzipation ist vollzogen: Homosexualität ist banal und normal. Und das ist gut so.

Die einst militante Minderheit ist pragmatisch geworden. Sie hat die Gleichberechtigung erkämpft – nun geht es ihr um Sicherheit. Die Frauenzeitschrift Elle befasst sich mit dem Phänomen unter dem Titel: «Homo electus». Er wählt Marine Le Pen oder Jordan Bardella. Beide liegen bei den homosexuellen Wählern mit jeweils rund 30 Prozent an der Spitze. Die Werte liegen nur knapp unter dem nationalen Durchschnitt.

Unter Berufung auf Têtu, das streitbare Magazin der homosexuellen Emanzipation, und auf Aussagen namentlich genannter RN-Prominenter rechnet Elle vor: Zwischen 30 und 35 der 82 männlichen Abgeordneten des Rassemblement National seien homosexuell. Sébastien Chenu, einer von ihnen, erklärt diese Affinität nicht nur mit der Homophobie des Islams, sondern auch mit der gemeinsamen Erfahrung der Ausgrenzung: Homosexuelle wüssten, was es heisst, wegen ihres Sexualverhaltens oder ihrer Herkunft systematisch stigmatisiert zu werden. Marine Le Pen habe mutig mit ihrem Vater und dessen homophoben Vorurteilen gebrochen.

Ebenso mit seinen antisemitischen Provokationen. Sie warf ihn aus der Partei. Das Resultat: Nach den Juden, die von Linken und Grünen zu neuen Nazis erklärt werden, die angeblich einen Genozid verüben, wählen nun auch Homosexuelle den RN.

Der Neuen Volksfront droht derweil der Zerfall. Lucie Castets ist von der Bildfläche verschwunden. Sophia Chikirou, Lebensgefährtin von Parteichef Jean-Luc Mélenchon, kandidiert im feinen sechsten Arrondissement von Paris für das Stadtpräsidium. Gewinnen kann sie nicht – ihr erklärtes Ziel ist es, den Sieg der Sozialisten zu verhindern.

Homosexuelle hat die Tochter algerischer Einwanderer auch schon als «Scheiss-Schwuchteln» beschimpft. Nur vier von 195 Abgeordneten der Neuen Volksfront würden sich offen als homosexuell bezeichnen, schreibt Têtu.

«Wir müssen die LGBT-Frage wieder politisieren», fordert ein Sprecher der Grünen. Im Parlament unterstützen sie die finanzielle Entschädigung von Homosexuellen für das Unrecht, das sie unter Vichy erlitten hätten.

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