Wer die Sprachfetzen offenbar heimlich in einem Restaurant aufgezeichnet, zusammengeschnitten und dem Streaming-Kanal «Carnaval» zugespielt hat, ist völlig unklar. Doch die Statements von Diego Spagnuolo, dem von Präsident Javier Milei ernannten Chef der staatlichen argentinischen Invaliden-Agentur Andis, sind explizit. In Gespräch mit einem Unbekannten beschuldigt der Chefbeamte Karina Milei, die Schwester des Präsidenten, zusammen mit ihrer «rechten Hand» Eduardo Menem bei den Zulieferern von Andis eine Provision von 8 Prozent zu kassieren. Im Verdacht steht namentlich die Pharma-Firma «Suizo Argentina», über die Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe fliessen sollen.
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Der federführende Journalist bei Carnaval behauptet, über 50 Audio-Aufzeichnungen zu verfügen, die nach dem Eclat nun häppchenweise gestreamt werden. Das meiste ist belanglos oder vieldeutig, doch die täglichen Gifthäppchen halten den Skandal seit bald zwei Wochen am Kochen. Milei hüllte sich anfänglich in Schweigen, dann ging er zum Gegenangriff über und erstattete eine Strafanzeige gegen seinen ehemaligen Weggefährten Spagnuolo wegen Verleumdung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in alle Richtungen und hat mehrere Hausdurchsuchungen vorgenommen.
Tatsächlich stinkt der Skandal zum Himmel, der im Vorfeld wichtiger Zwischenwahlen in Buenos Aires (7. September) und auf nationaler Ebene (26. Oktober) erfolgt. Wenn Spagnuolo, eine schillernde Figur, Anwalt von Beruf, den Verdacht der Korruption schöpfte, hätte er als Amtschef Strafanzeige einreichen müssen. Nichts ist konkret, denkbar vieles. Ist es Spagnuolo selber, der im Namen Mileis Schmiergelder eintreibt? Will es sich bloss wichtig machen? Oder sind die Mileis tatsächlich ebenso korrupt wie die «politische Kaste», der sie den Krieg erklärt haben?
Tatsache ist, dass die Zustimmungsraten für Javier Milei im August von über 50 auf unter 40 Prozent gesunken sind. Die Umfragen lagen zwar schon oft falsch, doch Milei musste in letzter Zeit einige empfindliche Rückschläge einstecken. Das linke Establishment scheint allmählich aus der Schockstarre zu erwachen und brachte mehrere Reform- und Sparvorlagen im Parlament zum Scheitern. Die internationalen Rating-Agenturen reagierten mit einer Rückstufung Argentiniens, der Dollar steigt derweil trotz Einbussen auf dem Weltmarkt wieder gegenüber dem Peso.
Selbst wenn man dazu neigt, den undurchsichtigen Korruptionsskandal in der Rubrik «schmutzige Wahlpropaganda» abzubuchen, zeigt dieser doch Schwachstellen im System Milei auf. Spagnuolo ist bei weitem nicht die einzige undurchsichtige Figur, die mit dem Überraschungserfolg der Libertären an die Macht gespült wurde. Auf die Parteigänger von Ex-Präsident Jorge Macri und Patricia Bullrich, mit denen sich Milei verbündet hat, ist bisweilen mehr Verlass als auf seine eigenen Leute. Ein Risiko birgt aber auch die symbiotische Beziehung zur seiner Schwester Karina in sich, die den Präsidenten wie ein stummer Schatten auf Schritt und Tritt begleitet, dessen Agenda fest im Griff hat und ihren Bruder gegen aussen hermetisch abschirmt.