Im Juni haben bisher weltweit 38 Notenbanken Zinsentscheide getroffen. Noch immer folgen viele dem Leithammel USA. So haben 15 wie das US-Fed ihren Leitzins unverändert belassen. Aber die Zahl der Zentralbanken, die wieder einen selbständigen Kurs fahren, hat zugenommen.
So haben 20 ihren Leitzins gesenkt, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Notenbanken in Skandinavien und in einigen osteuropäischen EU-Ländern mit eigener Währung sowie 9 Notenbanken in afrikanischen Ländern.
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Als einzige Notenbank hat jene von Brasilien ihren Leitzins angehoben, von 14,75 auf 15 Prozent, obwohl die Inflation im Land derzeit bei nur 5,32 Prozent (Mai) liegt. Die Rücknahme der Leitzinsen ist nicht nur eine Folge der abflauenden Inflation, sondern zusehends auch Ausdruck eines befürchteten globalen Konjunkturabschwungs.
Die US-Fed hat den Leitzins einstimmig bei unverändert 4,25 bis 4,5 Prozent belassen, signalisiert aber für den weiteren Jahresverlauf eine Senkung um weitere 50 Basispunkte. Vorerst gelte es die Entwicklung der Inflation im Kontext mit den Schutzzöllen weiterzuverfolgen. Der Markt erwartet eine Senkung des Leitzinses um jeweils 25 Basispunkte im September und im Dezember.
Die Dynamik der US-Wirtschaft lässt gemäss den Fed-Verantwortlichen nach, aber mit 1,4 Prozent (März-Schätzung: 1,7 Prozent) liegt das erwartete Wachstum 2025 immer noch über den Prognosen für die Euro-Zone, wo ein Wachstum von nur 0,9 Prozent (EZB) beziehungsweise 1,1 Prozent (EU-Kommission) in Aussicht steht. Für die nächsten zwei Jahre soll das US-Wachstum mit 1,6 und 1,8 Prozent ebenfalls unter den üblichen Wachstumsraten von 2 und 3 Prozent liegen. Der Arbeitsmarkt wird weiterhin als robust eingestuft. Die Inflation soll auf 3 Prozent (bisher 2,7 Prozent) ansteigen. Mit dem Zinsentscheid bleiben die Kurzfristzinsen hoch, was einen Rückgang der Zinskosten zum Ärger von Präsident Trump weiter verzögert. Die Fed-Funds-Sätze sollen von den für 2025 erwarteten 3,9 Prozent in den Jahren 2026 und 2027 lediglich auf 3,6 und 3,4 Prozent zurückgehen, weniger stark als noch im Frühjahr erwartet.
Nach dem Angriff Israels auf den Iran haben die Preise für fossile Energien (Erdöl, Erdgas) um 20 bis 25 Prozent angezogen, was ein zusätzliches Inflationsrisiko darstellt. Direkt oder indirekt machen fossile Energien in den Preisindizes der Schweiz, der USA und der Euro-Zone rund 6 bis 8 Prozent aus, weshalb ein Teuerungsschub von über 1 Prozent resultieren könnte, der wohl noch nicht in die Lagebeurteilungen eingegangen ist.
Die SNB hat den Leitzins per 20. Juni zum sechsten Mal auf 0 Prozent gesenkt. Sie hat ihr Pulver zur Schwächung des Schweizer Frankens somit weitgehend verschossen, und der konjunkturelle Nutzen ist mehr als fraglich. Wenn ein Unternehmer oder Bauherr bei 0,25 Prozent Leitzins nicht investiert, dann wird er es auch bei 0 Prozent nicht tun, allenfalls sogar noch zuwarten, in der Hoffnung, dass die Finanzierung noch günstiger wird.
Die SNB hat ihre bedingte Inflationsprognose weiter gesenkt. Für 2025 geht sie noch von einer Teuerung von 0,2 Prozent aus (März-Prognose: 0,4 Prozent), für 2026 von 0,5 Prozent (bisher 0,8 Prozent) und für 2027 von 0,7 Prozent (bisher 0,8 Prozent).
Immerhin teilt die SNB die Meinung, dass sich das BIP-Wachstum der Schweiz nach dem starken Jahresbeginn (2 Prozent Realwachstum zum Vorjahr) im weiteren Verlauf abschwächen wird. Für das gesamte Jahr 2025 erwartet die SNB ein Wachstum von 1 bis 1,5 Prozent, das heisst, in den restlichen drei Quartalen müsste sich das Wachstum auf 0,7 bis 1,3 Prozent abschwächen, um diese SNB-Prognose zu erreichen.
Die Auswirkungen der jüngsten Zinssenkung auf den Kapital- und Devisenmarkt waren unbedeutend. Die Renditen der Staatsanleihen bis zu drei Jahre Laufzeit blieben negativ. Die Rendite der zehnjährigen Eidgenossen liegt mit 0,325 Prozent marginal über dem Stand von Ende 2024 mit 0,25 Prozent. Eine Sinnhaftigkeit der Leitzinssenkung ist deshalb kaum auszumachen, zumal solche extremen Tiefzinsen meistens der Grundstein für die nächste Teuerungswelle sind und zu Fehlallokationen von Kapital führen. Will die SNB mit aller Gewalt den Hypothekar-Referenzzins drücken, um die Rendite der Immobilienbesitzer zu reduzieren, und die Sparer weiter schädigen, indem diese praktisch keinen Ertrag mehr auf ihren Bankeinlagen erzielen können? Eines ist gewiss, die noch im Geschäftsjahr 2024 von den Schweizer Banken auf ihren bei der SNB deponierten Geldern erzielten 7,4 Milliarden werden in Zukunft entfallen.
Kommt es erneut zu Negativzinsen, wäre es endlich an der Zeit, dass die Aufsicht über die SNB, die letztlich bei der Schweizer Bundesversammlung liegt, die Rechtmässigkeit von Negativzinsen untersucht. Im Nationalbankengesetz ist die Untergrenze der Verzinsung im Artikel 9 nämlich klar festgelegt: «die Nationalbank kann für Banken und andere Finanzmarktteilnehmer verzinsliche und unverzinsliche Konten führen und Vermögenswerte in Verwahrung nehmen». Von einer Kompetenz, Negativzinsen abzukassieren, ist im gesamten Gesetz keine Rede. Während der letzten Negativzinsphase hat die SNB unserer Volkswirtschaft immerhin fast 12 Milliarden Franken Kaufkraft entzogen, was fast 1,5 Prozent des BIP entsprach.
Es stellt sich auch die Frage, was die SNB unternehmen wird, wenn am Devisenmarkt der nächste Schüttelfrost einsetzt. Das Ausmass von allfälligen Negativzinsen ist beschränkt, denn wenn diese tiefer als die letztmals angesetzten −0,75 Prozent sinken sollten, könnten Banken zur Umgehung der Negativzinsen – trotz der damit verbundenen Kosten – bei der SNB Banknoten beziehen und im eigenen Tresor verwahren, was die Nationalbank vor riesige praktische Probleme stellen würde.