Den konservativen amerikanischen Kulturkämpfer Charlie Kirk kannte ich nicht, aber für meine Söhne war er ein Begriff. Er soll Millionen junger Amerikaner für -traditionelle und christliche Werte begeistert haben. Er war ein überzeugter Anhänger von Präsident Trump und galt als Ikone einer rechten Jugendbewegung. Sein Markenzeichen waren intensive Debatten mit linken Studenten über Themen wie Klima, Gender, Waffen und Freiheit. Er war keiner, der es sich in seiner Echokammer gemütlich machte. Der Tatverdächtige ermordete den erst 31-jährigen Kirk am vergangenen Mittwoch mit einem gezielten Schuss in den Hals. Die Behörden gehen von einer politisch motivierten Exekution aus. Der Tote hinterlässt eine junge Frau und zwei -kleine Kinder.
Illustration: Fernando Vicente
Der Mordfall Kirk ist ein besonders abscheuliches Beispiel linker Cancel-Culture in den Vereinigten Staaten. Das lässt sich auch an den zum Teil widerlichen Reaktionen dieser Kreise im Internet ablesen. Bei Linksaussen löste das Attentat regelrechten Jubel aus, Triumphbekundungen gegen einen verhassten Rechten. Selbst in Schweizer Diskussionsforen, zum Beispiel bei der Boulevardzeitung Blick, finden sich Einträge, die für das Attentat gespenstisch viel Verständnis zeigen. Der Tages-Anzeiger schrieb zunächst, verharmlosend und unter Vermeidung des Begriffs Mord, Kirk sei Opfer einer «Tötung» geworden, einer «Schiesserei», so, als ob der eloquente und erfolgreiche Bühnenredner zufällig in einen Schusswechsel geraten sei.
Der Umgang der Mainstream-Medien mit dem Attentat auf Kirk ist aufschlussreich. In keiner Berichterstattung fehlen Hinweise auf angeblich «extremistische» oder «rechtsradikale» Ansichten des Erschossenen. Der Tages-Anzeiger etwa wirft Kirk irrigerweise «Rassismus» vor, weil er die Bürgerrechtsgesetze der sechziger Jahre kritisiert und dort vor allem die im Grunde rassistische «affirmative action», die Amerikaner nicht nach Leistung, sondern nach Hautfarbe bevorzugt. Das Schweizer Fernsehen nennt Kirk «christlich-fundamentalistisch», «rechtsradikal» und «weiss-nationalistisch». Solche schäbige, einen feigen Mord fast schon rechtfertigende Verurteilungen des Opfers würden wir nicht lesen, wenn es sich bei Kirk um einen Linken oder Linksradikalen gehandelt hätte.
Was diese Bluttat auf einem Uni-Campus im US-Gliedstaat Utah so erschreckend macht, ist nicht nur die schiere Tatsache des brutalen Verbrechens. Es sind die Umstände. Kirk wurde erschossen, als er mit kritischen Studenten Streitgespräche führte, sachliche Auseinandersetzungen, Rede und Gegenrede. Diese Form des Dialogs ist das Lebenselixier der Demokratie, die Grundlage all dessen, worauf sich unsere freiheitlichen Gesellschaften seit ihren Anfängen in der griechischen Antike beziehen. Dass Kirk ausgerechnet während der Ausübung dieser -sokratisch urdemokratischen Tätigkeit Opfer eines gezielten Attentats wurde, gibt dem Vorgang eine besonders düstere Qualität. Der Mord von Utah ist ein Schuss ins Herz der Demokratie.
US-Präsident Donald Trump machte in einer ersten Ansprache die radikale Linke für den Anschlag verantwortlich. Die Leute, die gewohnheitsmässig Rechte als «Nazis» und damit als Massenmörder verunglimpften, würden jenes Klima von Hass und Enthemmung schüren, in dem sich mögliche Täter ermächtigt, ja berufen fühlten, Gewalt anzuwenden, um das angeblich Böse aus der Welt zu schaffen. Trump erntete viel Kritik für seine Aussagen, doch er traf, einmal mehr, instinktsicher den wunden Punkt. Gewalt von links ist in unseren von linksprogressiven Medien und Politikern dominierten Gesellschaften ein Tabu. Darüber redet man nicht, auch weil es sich eingebürgert hat, fast ausschliesslich den rechten Extremismus ins Visier zu nehmen.
Das Böse ist das überschiessende Gute, und die Linke ist besessen davon, Gutes zu tun. Im Marxismus ist die christliche Vorstellung, es gebe ein Paradies im Jenseits, zum politischen Gebot verweltlicht worden, dieses Paradies im Diesseits zu verwirklichen. So sehen sich linke und grüne Politiker, selbst wenn sie sich nicht offen auf marxistische Ideen beziehen, als Vollstrecker heilsgeschichtlicher Erwartungen im konkreten Leben. Wer sich ihnen entgegenstellt, während sie glauben, den Himmel auf Erden zu errichten, muss notwendigerweise ein Abgesandter der Hölle sein. Nicht alle Linken sind potenzielle Terroristen, aber die Neigung, bei sich selber Böses zu entschuldigen, um damit das Gute zu erreichen, ist der linken Ideologie wesensimmanent.
Es gibt auch rechte Spinner und Gutmen-schen, die zur Waffe greifen. Doch verharmlost und tabuisiert wird nach wie vor die viel häufigere Gewalt von links. Diese Gewalt ist der verbrecherische Ausfluss eines Denkens, das Konservative automatisch als «Nazis» abstempelt, zu Bestien entmenschlicht. Auf der rechten Seite findet sich kein Kampfbegriff, der auch nur annähernd diese verleumderische Kraft entfaltet. Charlie Kirk geriet ins Fadenkreuz, gerade weil er auf Dialog setzte, über sein Milieu hinaus mit Andersdenkenden ins Gespräch kam, urdemokratisch. Das macht diese Untat so tragisch. Den Amerikanern ist heroische Gelassenheit zu wünschen. Die routinierte Verniedlichung linker Verbrechen sollte aufhören.

