Wenn Topmanager Personalentscheide mitteilen, ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen. So gelingt es vielleicht, hinter den corporate bulls**t zu sehen und herauszufinden, ob sie auf-, ab- oder umsteigen – plus was es für die Firma, die Branche sogar heisst. Anna Wintour verbreitete am Donnerstag ihren «ausschlaggebenden Entscheid», nicht länger Chefredaktorin der amerikanischen Vogue zu sein. Eine Medienjournalistin der New York Times entschlüsselt dies als «Abgabe von Kontrolle (ein bisschen)» der berühmtesten Magazinchefin sowie einer der wichtigsten Frauen der Modebranche.
«Der Teufel trägt Prada»
Wintour, eine 75-jährige Britin in New York, arbeitet seit 1983 für Condé Nast, den amerikanischen Verlag, der unter anderem die Vogue-Ausgaben auf der ganzen Welt herausgibt. Sie hat dort noch immer zwei Stellen inne: Globale redaktionelle Vogue-Direktorin sowie Inhaltsverantwortliche des gesamten Verlags. Falls man Nichtleser oder -leserin von Mode- und Stilzeitschriften ist, kennt man sie aus dem Hollywoodfilm «Der Teufel trägt Prada» (2006), in dem sie von Meryl Streep dargestellt wurde.
Täglich 500 Dollar für den Coiffeur
Was aber bedeutet die erwähnte Ankündigung, von der NYT als Nachricht vermeldet, die die Mode- und Medienbranche schockiert? Über die Tatsache hinaus, dass auch die Wintour – trotz täglicher 500-Dollar-Coiffeurbesuche (der Coiffeur besucht sie) und immerdunkler Sonnenbrille – ein Verfalldatum hat? Unter anderem, dass die Deutungshoheit des traditionellen arbiter elegantiae, Schiedsrichters des guten Geschmacks, vorbei ist wie ein Miu-Miu-Kleid von 2023. Weil Mode, definitionsgemäss eine undemokratische Sache, demokratischer wurde. Sich seit einiger Zeit jeder sowie, vor allem, jede kleiden kann, wie sie will. Und möglicherweise dennoch ein Publikum erreicht, das sie als Stil-Leaderin feiert, sozialen Medien sei Dank. Früher ging so was nicht, es entschieden einzig unsoziale Medien wie die Vogue und ihre noch unsozialere Chefin Anna Wintour, pardon: Wintour und ihre Anzeigenkunden, wer es in das stilprägende Heft schaffte und also zur Modegöttin erhoben wurde.
Politische Korrektheit als Sargnagel
Dann kamen Fast Fashion und Instagram, oder Tiktok und Zara et cetera; die spanische Kleidermarke, Teil der grössten Modegruppe weltweit, bezahlt nie für Inserate in Magazinen, nebenbei. Sie schafft es nämlich auch ohne, auf sich beziehungsweise ihre Looks aufmerksam zu machen. Nächster Nagel im Sarg der wintourschen Ästhetik respektive der Vogue-Vorgaben: Politische Korrektheit und Wokeness. Widerwillig zwar, aber dennoch, öffnete Anna, aka die Eiskönigin, ihre Seiten für «kurvige» Models (keine dünnen), für ein «diverses» Frauenbild («ethnische» Models), für Gender-Fluide, Alte, körperlich Behinderte und, und, und. Doch richtig happy war niemand, am wenigsten die späten Neuzugänge, die sich nicht ernst genommen fühlten (zu Recht), sondern als Zugeständnis an den Zeitgeist. Dieser, übrigens, hat sich geändert. Ob das Überschreiten von peak woke aber die Vogue rettet, sie wieder zwingend macht als Entscheidungsinstanz, was in und out betrifft?
Auch Männer dürfen sich bewerben
Anna Wintour glaubt selbst nicht daran, so sieht’s aus. Darum braucht die amerikanische Vogue, das 300-Pfund-Gorillaweibchen im Verlagsstall, keine Chefredaktorin mehr. Eine Redaktionsleiterin, die der Zurückgetretenen zudient, reicht dafür. Weiteres Indiz in der Bedeutungsverlust-Indizienkette: Sogar Männer dürfen sich um den Job bewerben.