Der Spitzenkandidat für das Präsidentenamt in Rumänien zeigt sich siegessicher. Zuversichtlich steht er im Sonnenschein vor dem Parlament in Bukarest. «Wir werden einen Erdrutschsieg» erringen, sagt George Simion im Interview mit der Weltwoche Stunden vor Schliessung der Wahlurnen.
George Simion, 38, ist seit der ersten Wahlrunde vor zwei Wochen, die er haushoch gewonnen hat, der klare Favorit.
Andreea Alexandru
Und der Buhmann der europäischen Mainstream-Medien.
Sie nennen ihn «ultra-nationalistisch» und «rechtsextrem». Sein Widersacher, der Bukarester Bürgermeister Nicusor Dan, hingegen gilt als «Pro-Europäer» und «smart».
«Hooligan oder Mathematiker» – auf diesen primitiven Nenner bringen die Journalisten die Schicksalswahl der Rumänen.
Rückblende: Im letzten Dezember wurden die Wahlen in Rumänien kurz vor dem Finale annulliert. Ein beispielloser Akt in der Geschichte der EU.
Der haushohe Favorit – der parteilose Calin Georgescu – wurde vom Verfassungsgericht für weitere Wahlen gesperrt.
Vorwurf: Er sei ein trojanisches Pferd von Putin, und es habe Unregelmässigkeiten bei seiner Wahlkampffinanzierung gegeben. Klare Belege blieben die Kläger schuldig.
Simion ist in die Fussstapfen Georgescus getreten. Die beiden treten ostentativ zusammen auf.
Simion scheint die Emotionen und Nöte vieler Rumänen besser zu verstehen als jeder andere Politiker. Im ersten Wahlgang holte er 41 Prozent der Wählerstimmen. Mehr als doppelt so viele als sein Nachfolger Nicusor Dan.
Reicht das für einen Erdrutschsieg im Finale heute? Skeptiker in Simions eigener Partei, dem Bündnis für die Union Rumänien (AUR), zweifeln.
Nach dem ersten Wahlgang am 4. Mai haben sich Simions Gegner zusammengerauft. Es werden Ängste geschürt, Simion werde aus der EU austreten. Und die Nato zurückbinden – Rumänien hat die grösste Nato-Basis in Europa.
Simion dementiert diese Gerüchte explizit. Ebenfalls distanziert er sich vehement von Russland und dessen Präsidenten Putin. In Sachen Ukraine stellt er sich voll hinter die Friedensavancen von US-Präsident Trump. Auch hier hat Simion den Finger am Puls des Volkes. Den Krieg im rumänischen Nachbarland haben die meisten Rumänen satt.
Doch offenbar wächst die Angst vor einem Disruptor Simion, der nach Vorbild Trumps gegen die Bürokratie vorgehen will. Seit der ersten Wahlrunde ist die rumänische Währung gefallen, die Zinsen sind gestiegen. Dies schürt Ängste in einem hoch verschuldeten Land.
Viele Leute, besonders in den Städten, haben das Gefühl, dass sie mit dem Kosmopoliten-Kandidaten Dan zwar nicht viel zu gewinnen, aber mit dem Nationalisten Simion viel zu verlieren haben.
Am Wahlsonntag wurde eine grosse Mobilisierung der Simion-Gegner registriert, besonders in Städten.
Die sich vereinende Front gegen ihn scheint Simion in seinem Optimismus nicht zu trüben.
Er zählt auf die Diaspora, wo 1,4 Million Rumänen ihre Stimmen abgegeben haben. Mit überwältigender Mehrheit für Simion.