Welch Balsam für die europäischen Seelen! Vor einem Jahr hatte US-Vizepräsident J.D. Vance an selber Stelle mit luzider Präzision die Schwächen der Europäer schonungslos entblösst.
Jetzt eroberte Trumps Aussenminister Marco Rubio mit Soft Power das Plenum. Mit warmen Worten über gemeinsame Geschichte und Werte. Hätten die Politpotentaten und Militärs ein Feuerzeug im Sack gehabt, im Saal wäre ein Lichtermeer entflammt.
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Rhythmisch rieb Rubio Worte des Zuspruchs in den anämischen europäischen Körper: «Wir wollen ein starkes Europa», sagte er. «Wir glauben, dass Europa überleben muss.» Nein, man wolle sich nicht abwenden, vielmehr liess er die alte Freundschaft aufleben, die man erneuern wolle.
Solche kumpelhaften Worte erinnern an die Ära Clinton, Bush und Obama. Die europäische Reaktion auf Schulterklopfen ist hinlänglich bekannt. Man liess die Zügel schleifen, wähnte sich in Sicherheit hinter Amerikas Waffenschutz.
Wetten, dass auch jetzt wieder der eine oder die andere das Gefühl hat, man müsse vielleicht doch nicht so viel wie unter Trumps Druck versprochen in die Verteidigung investieren?
Rubios Redeschmaus ist eine Nebelpetarde. Während man sich in München noch im Rubios Rausch entspannt, sind die Amerikaner auf der Weltbühne bereits ein paar Schritte voraus. Und die Europäer bleiben abgehalftert.
In allen grossen Konfliktzonen – Nahost, China und Ukraine – hat Trump die Europäer kaltgestellt.
Am Freitag blieb er in München einem Treffen mit europäischen Staats- und Regierungschefs zum Krieg in der Ukraine fern.
Rubios nächster Stopp ist Budapest. Dort will er sich mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Orbán treffen, der zu Brüssels Ärger Alternativen für eine Waffenruhe in der Ukraine sucht.
Der Besuch in Ungarn diene der weiteren «Stärkung» der Beziehungen zu einem europäischen Land, das im Gegensatz zum Mainstream der EU die Vision der Trump-Regierung für Frieden in der Ukraine teile, wird ein hochrangiger Beamter des US-Aussenministeriums in der Financial Times zitiert.