Rund 32 Delegationen mit 24 Staats- und Regierungschefs aus China, Südafrika, der Türkei, Brasilien oder dem Iran nehmen am Brics-Gipfel in der russischen Wolga-Metropole Kasan teil. Es ist das meistbeachtete aussenpolitische Ereignis vor den US-Wahlen. Bei diesem Stelldichein der Skeptiker einer amerikanischen Weltdominanz hält Russlands Präsident Wladimir Putin Hof. Nicht von ungefähr fiel seine Wahl auf Kasan, die weit über tausendjährige Traditionsstadt, in der die Muslime die Mehrheit stellen, aber friedlich mit den anderen Weltreligionen, dem Christen- und dem Judentum vor allem, zusammenleben. Am Abend des Eröffnungstags schrieb Chefredaktor Roger Köppel in der Lobby des «Relita»-Hotels bei Schwarz- und Grüntee seinen ersten Bericht, während Politiker und Medienleute durch die Sicherheitsschleuse beim Eingang eintröpfelten. In Zeiten explodierender Pager sind die Vorsichtsmassnahmen ausgeprägt. Noch immer herrscht in Russland ein strenges Covid-Regime mit PCR-Tests und Blutproben. Spürbar ist der Wille des Gastgebers, den Gipfel weniger zur Lancierung grosser Initiativen als zur repräsentativen, makellos organisierten Schau einer neuen, im Entstehen begriffenen Weltordnung zu machen. Seite 3, 14
Am vergangenen Sonntag nahm Anne Applebaum den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche entgegen. Die amerikanisch-polnische Historikerin, Autorin gewichtiger Werke wie «Roter Hunger», ist längst ein Liebling des Mainstreams. Ihre Frankfurter Dankesrede war ein diese Rolle bestätigendes und festigendes Meisterstück: Die Lektion der deutschen Geschichte könne nicht sein, «dass die Deutschen Pazifisten sein müssen. Im Gegenteil: Seit fast einem Jahrhundert wissen wir, dass der Ruf nach Pazifismus angesichts einer aggressiven Diktatur oft nichts anderes ist als Appeasement und Hinnahme dieser Diktatur.» Die Friedenspreisträgerin zeigt Züge einer Gesinnungskriegerin, wie unser Autor Philipp Gut herausarbeitet. Putin, Stalin, Trump, Hitler, Mussolini nennt sie in einem Atemzug. Seite 16
Amerika sei grossartig, und das solle auch so bleiben – dazu müsse es nicht «great again» gemacht werden, sagt Kurt Andersen, der bekannte amerikanische Journalist, Kolumnist und Buchautor. In seinem kritischen Bestseller «Fantasyland. 500 Jahre Realitätsverlust» attestiert er seinen Landsleuten seit eh und je Leichtgläubigkeit und eine Anfälligkeit fürs Fantastische. Dafür sieht er zwei Hauptgründe: die tiefverwurzelte religiöse Kultur der Amerikaner und die Neigung, alles zum Showbusiness zu machen – auch die Politik. Und vor allem den Präsidentschaftswahlkampf. Im Gespräch mit der Weltwoche bezeichnet der selbsternannte «Trump-Experte im Nebenberuf» den Präsidentschaftskandidaten als «Kultführer», für den sich so schnell kein Nachfolger finden lassen werde. Seite 28
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