Deutschland sitzt nicht im Stau, es sitzt fest. Eingekeilt zwischen Mutlosigkeit und dem obsessiven Wunsch, nur ja niemandem wehzutun. Das Land, das einst Weltmeister im Erfinden, Gestalten, Aufbauen war, ist heute Weltmeister im Warten. Warten darauf, dass jemand anderes den ersten Schritt macht. Warten darauf, dass Reformen sich von selbst erledigen. Warten darauf, dass die Realität die Rücksichtslosigkeit erfordert, die die Politik nicht mehr aufzubringen vermag.
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Niemand traut sich noch, Politik zu machen, die den Namen verdient. Statt Entscheidungen gibt es Gefälligkeiten, statt Führung gibt es Likes, statt Verantwortung gibt es Pressestatements. Die politische Mitte, einst Motor und Massstab, ist heute ein Raum mit gedimmtem Licht, in dem sich alle leise bewegen, aus Angst, irgendjemand könne irgendjemanden erschrecken. Der Stillstand ist kein Unfall – er ist ein System. Und dieses System heisst: Angst.
In liberalen Demokratien ist das Unpopuläre schwer. Es gehört Mut dazu. Doch Deutschland hat aus «schwer» inzwischen «unmöglich» gemacht, was ein Zeichen dafür ist, dass der Mut der Angst gewichen ist. Wer sagt, «Das tut weh, aber es muss sein», ist schneller weg als sein eigenes Reformpapier. Also werden Veränderungen nicht mit der Kettensäge gedacht wie in Argentinien, sondern mit der Laubsäge wie in der Waldorfschule – hübsch, vorsichtig, völlig wirkungslos.
Die Wahrheit ist: Unsere zentralen Systeme stammen aus den fünfziger Jahren. Die Rente, das Gesundheitssystem, grosse Teile des Sozialstaats – alles altehrwürdige Konstruktionen, die uns lange erfolgreich getragen haben. Doch die Welt hat sich verändert: Demografie, Arbeitswelt, Lebensentwürfe. Digitalisierung. Globalisierung. Alles Buzzwörter, hinter denen aber grosse Veränderungen stecken. Was brauchte es? Einen radikalen Neuentwurf. Ein Reissbrett müsste her. Eine Regierung, die sagt: «Wir reissen ab und bauen neu.» Aber wer das ausspricht, macht sich überall dort Feinde, wo die Zufriedenen in ihren Palästen hocken. Also flicken wir weiter, bis die Flicken selbst zerreissen.
Der Mut fehlt nicht nur der Politik. Er fehlt den Beratern, den Think-Tanks, ja selbst den jungen Leuten, die von Helikoptereltern sozialisiert wurden und ausgestattet sind mit der heiligen Furcht vor Shitstorms. Wir haben eine Generation geschaffen, die alles darf – ausser Fehler, die ihr zwar andere ankreiden, die sie sich aber selbst nicht verzeiht. Fehler aber sind die Voraussetzung für Innovation.
Wer ist daran schuld? Ach, wie bequem wäre es, alles auf Putin oder die AfD zu schieben. Aber weder der Kreml noch die Populisten haben unser Rentensystem geschreddert, unseren Mittelstand erdrückt oder unsere strategische Intelligenz verdunsten lassen. Die AfD mag gefährlich sein – doch sie ist nicht schuld am Versagen der Mitte. Sie ist lediglich das Symptom eines Landes, das Reformen meidet wie der Teufel das Weihwasser.
Wir haben achtzig Jahre Bundesrepublik – und alle fühlen sich wie achtzig. Müde. Klapprig. Reif für die Insel oder die Reha-Station. Der soziale Aufstieg, einst das Versprechen eines Landes im Aufbruch, ist zu einem nostalgischen Mythos geworden. Die Mitte, die eigentlich tragen sollte, ist wehleidig geworden. Sie beschäftigt sich mit Feindbildern statt Zukunftsplänen.
Der Ruck, den Deutschland so dringend braucht, kann nicht von den Rändern kommen. Dort sitzen die Lauten, nicht die Fähigen. Er muss aus der Mitte kommen – aus einem Zentrum, das endlich wieder Verantwortung statt Zustimmung sucht: ein Marshallplan für Deutschland, ein Neustart der sozialen Sicherungssysteme, ein Ende des Flickwerks. Solange aber in der Mitte die Angst regiert, bleibt alles beim Alten: Deutschland scheitert nicht an seinen Problemen von zu viel Bürokratie bis zu viel Einwanderung – sondern an seinem eigenen Angststillstand.