Jürgen Habermas ist am 14. März 2026 gestorben. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir nochmals eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Philosophen, die erstmals in der Weltwoche vom 18. Oktober 2024 erschienen ist.
Es ist der 9. Juni 1967. In Hannover wird der Student Benno Ohnesorg zu Grabe getragen. 7000 Studenten bilden einen beeindruckenden Trauerzug. Eine Woche zuvor ist Ohnesorg von einem Polizisten nahe der Oper an der Berliner Bismarckstrasse erschossen worden.
Patrick Bremer für die Weltwoche
Ein Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik, wohl sogar darüber hinaus. Die Radikalisierung vieler Studenten hat hier ihren Ausgangspunkt. Eine gewisse Gudrun Ensslin soll noch in besagter Nacht in den Räumen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm gerufen haben: «Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden.» Aus der antiautoritären Revolte in Berlin formieren sich gewaltbereite Gruppen. Einige besonders radikale Studenten formieren sich schliesslich zur Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF).
Entsprechend aufgeheizt ist auch die Stimmung bei Ohnesorgs Beisetzung in Hannover. Nach der Trauerkundgebung versammeln sich die Studenten zu einer Diskussionsveranstaltung in einer Sporthalle. Auch fünf Professoren nehmen daran teil. Einer von ihnen: Jürgen Habermas, damals Ordinarius für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt – in Nachfolge des legendären Max Horkheimer, der mit Theodor W. Adorno die sogenannte Frankfurter Schule geprägt hat. Wir kommen darauf zurück.
Vordenker der Wokeness
In seinem Vortrag betont Habermas: «Wenn die studentische Opposition wahrlich einen Vorzug hat, dann kann es, meine ich, nur der sein, dass sie Sensibilität für die Unterdrückung und für die Verletzung, auch für die Verletzbarkeit des Menschen, und ich meine einzelne Menschen, und sozialer Klassen, zu einer politischen Kategorie erhebt.»
Habermas ist hier ganz Vertreter der Bürgerrechtsbewegung. Er öffnet den politischen Raum auch der Verletzbarkeit des Menschen – und wird so zu einem Vordenker von Achtsamkeit und Wokeness.
Was im Furor untergeht: Auch für Habermas ist nur eine linke Demokratie eine Demokratie.
Den Studenten reicht das nicht. Sie wollen mehr. Kein Geringerer als SDS-Wortführer Rudi Dutschke, der später von einem Rechtsextremisten angeschossen wird, pocht in seiner Antwort auf Habermas darauf, «dass die etablierten Spielregeln dieser unvernünftigen Demokratie» nicht die Spielregeln der revolutionären Studentenschaft sein können.
Habermas ist von dieser Antwort entsetzt. Er befürchtet nicht nur weitere Gewalt, sondern erkennt auch den totalitären Grundzug in Dutschkes Worten. Konkret wirft er dem Studentenführer vor, eine Ideologie zu entfalten, die man unter heutigen Umständen «linken Faschismus» nennen müsse. Der Skandal ist perfekt.
Was im revolutionären Furor dieser Monate untergeht: Auch für Habermas ist nur eine linke Demokratie eine wirkliche Demokratie. Doch anders als Dutschke will er keine revolutionäre Systemveränderung, sondern ist bestrebt, zur Durchsetzung seiner Ziele die Institutionen der parlamentarischen Demokratie und die Mechanismen der liberalen Gesellschaft zu nutzen.
Während Dutschkes Revolution bekanntlich scheiterte, gelang es Habermas tatsächlich, der deutschen Gesellschaft einzureden, nur eine linke Politik sei demokratisch und das Ziel der Geschichte sei eine postnationale, inkludierende, multikulturelle, sozialökologische Gesellschaft.
Bemühe dich um Verständlichkeit
Das Zauberwort auf diesem Weg hiess «kommunikative Vernunft». Das klingt zunächst harmlos, denn wer hat schon was gegen kommunikative Vernunft? Tatsächlich aber schuf Habermas mit diesem Schlagwort eine Theorie, deren demokratisch anmutende Fassade nur oberflächlich verdeckt, dass mit ihrer Hilfe ganze Gesellschaften – also Kommunikationsgemeinschaften – auf eine Handvoll linker politischer Ziele verpflichtet werden sollen.
Der argumentative Trick dabei ist relativ einfach. Zunächst einmal stellt Habermas fest, dass der Mensch ein kommunizierendes Wesen ist. Doch Kommunikation, also sprachliches Handeln, ist für Habermas nur dann möglich, wenn beim Sprechen normative Regeln berücksichtigt werden. Diese Regeln sind etwa: «Bemühe dich um Verständlichkeit» – eine Regel, die Habermas selbst durchaus zu strapazieren wusste –, «bemühe dich um Richtigkeit, berücksichtige die Grundlagen der Logik, achte dein Gegenüber als rationalen Gesprächsteilnehmer.»
Jeder, der kommuniziert, hat sich, so Habermas, immer schon auf diese Regeln des sprachlichen Handelns eingelassen und damit gewisse Kommunikationsnormen anerkannt. In einer idealen Sprechsituation würden allein diese rein rationalen Regeln der Argumentation und der – so Habermas’ berühmte, bis heute zitierte Formulierung – «zwanglose Zwang des besseren Arguments» gelten.
Diese ideale Sprachsituation ist faktisch zwar nie gegeben, in unserem alltäglichen Sprachhandeln müssen wir sie aber, so Habermas weiter, stets als Quelle unserer sozialen Normen voraussetzen. Und weil das so ist, seien wir als Sprecher immer dazu aufgerufen, eine ideale, also herrschaftsfreie Kommunikationssituation herzustellen.
Für den jüngeren Habermas war klar, dass eine solche Gesellschaft eine sozialistische Gesellschaft ist. Der ältere Habermas würde das so drastisch nicht mehr formulieren. Allerdings würde er keinen Zweifel daran lassen, dass die ideale Kommunikationsgemeinschaft nur mit der Herrschaft des Rechts und normativen Verbindlichkeiten durchzusetzen ist.
Auf Demokratien angewandt, bedeutet das: Eine Demokratie ist nicht dann demokratisch, wenn sie dem Mehrheitswillen des Volkes Geltung verschafft, sondern wenn ihre Spielregeln den Normen einer idealen Kommunikationsgemeinschaft verpflichtet sind. Vereinfacht: Normen gehen vor Mehrheit.
Der argumentative Trick von Habermas ist relativ einfach.
Der Sache nach ist Habermas damit gedanklich gar nicht so weit entfernt von der «unvernünftigen Demokratie», die Rudi Dutschke in der Bundesrepublik sah. Lediglich in den Mitteln ihrer Überwindung unterschied sich der Philosophieprofessor von dem Studentenführer. Habermas vertraute einfach darauf, dass die liberalen Gesellschaften des Westens Emanzipationskräfte freisetzen, die die aus seiner Sicht verkrusteten Strukturen der westlichen Nachkriegsdemokratien überwinden helfen.
Bürgerliche Lebenskultur
Die Grundlagen zu diesen Überlegungen entwarf Habermas in seiner Habilitationsschrift. Titel: «Der Strukturwandel der Öffentlichkeit». Darin untersucht Habermas, wie im Zuge der Entfaltung der bürgerlichen Kultur so etwas wie Öffentlichkeit entsteht. Waren die Feudalgesellschaften des Mittelalters geprägt durch mehr oder minder abgeschlossene Zirkel des Adels und des Klerus, so entstehe mit der bürgerlichen Lebenskultur, mit Salons und Cafés, erstmals ein öffentlicher Raum der freien Kommunikation. Hier, so Habermas, bildeten sich Strukturen einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die die Grundlagen für die aufgeklärte, liberale und demokratische Gesellschaft der Moderne darstellten.
Damit schaffe die bürgerliche Öffentlichkeit zugleich die normativen Voraussetzungen ihrer selbst. Es zeige sich, dass die Kommunikation innerhalb dieser Öffentlichkeit an eine Reihe von Normen gebunden sei, die sie selber erst möglich mache. Die bürgerliche Öffentlichkeit sei somit nicht nur ein historisches und soziales Phänomen, sondern habe normbildende Kraft.
Habermas ist hier an einem entscheidenden Punkt, der nicht einfach nur akademische oder philosophische Bedeutung hat, sondern die politkulturelle Realität Deutschlands ab den späten 1980er Jahren zunehmend prägt. Die Idee dabei: Die bürgerliche Öffentlichkeit schafft Normen des Miteinanders, die auch mittels demokratischer Verfahren nicht aus der Welt zu schaffen sind, da sie demokratische Öffentlichkeit erst ermöglichen. Da zudem das Ideal einer herrschaftsfreien, egalitären Kommunikationsgemeinschaft noch nicht verwirklicht ist, wir als vernünftige Sprecher uns aber immer schon zu dessen Realisierung verpflichtet haben, ist es die Aufgabe der Gesamtgesellschaft, sich diesem Ideal anzunähern. Die Realisierung einer linken Gesellschaft wird so zu einem historischen Auftrag, den man nicht ablehnen kann, ohne einem logischen Selbstwiderspruch zu verfallen.
Im Kern autoritär
Für Philosophie-Nerds: Habermas kombiniert auf bemerkenswerte Art Denkmotive von Kant, Hegel und Marx. Von Kant übernimmt er die Idee einer apriorischen Vernunft, also von Regeln des vernünftigen Denkens und Handelns, die immer schon gegeben sind. Von Hegel erbt er den unbedingten Fortschrittsglauben und die Vorstellung, dass die mit Kant angenommene universale Vernunft sich in der Geschichte unaufhaltsam entfaltet. Von Marx verwendet er das Motiv, dass dieser endgültigen Realisierung einer vernünftigen Gesellschaft Machtinteressen privilegierter Gruppen entgegenstehen.
Diese Machtstrukturen will Habermas, anders als Marx und Dutschke, allerdings nicht revolutionär überwinden, sondern er vertraut – mit Hegel – auf die Kraft der kommunikativen Vernunft. Doch es ist klar, dass sein Programm nicht auf die Herstellung eines wirklichen Pluralismus zielt, sondern auf die Umsetzung der einen, tatsächlichen Vernunft – und diese Vernunft ist eine linke Vernunft.
An Habermas zeigt sich wie an keinem anderen Intellektuellen überdeutlich und leicht rekonstruierbar, wie ein Denken, das unter dem Zeichen von Emanzipation und Freiheit antrat, die Nachkriegsgesellschaften des Westens zu modernisieren, im Kern schon die autoritären Strukturen gegenwärtiger normativer Demokratie und wertebasierter Politik in sich trug. Denn faktisch war man seitens der politischen Linken der 1960er Jahre nie willens, Demokratie und demokratische Prozesse offen und pluralistisch zu denken. Wirkliche Demokratie war den Vordenkern der Linken immer suspekt. Schliesslich weiss man nie, was das Volk in seiner Verführbarkeit beschliesst. Daher galt es, Demokratie normativ zu rahmen und damit auf eine politische Agenda festzulegen.
«Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.»
Indem Habermas allgemeinverbindliche Normen sucht und diese aus der kommunikativen Praxis demokratischer Gesellschaften ableiten möchte, wird Demokratie selbst autoritär. Hier wird die Grundlage gelegt, um zwischen demokratischen und undemokratischen Entscheidungen des Volkes zu unterscheiden. Demokratisch sind dementsprechend Voten für eine multikulturelle Gesellschaft, für Inklusion und Diversität. Undemokratisch sind jene Beschlüsse, die diese Inhalte ablehnen.
Letztlich erweist sich die antiautoritäre Revolte der 1960er Jahre als gescheitert. Statt autoritäre Vorstellungen zu bannen, hat man lediglich tradierte Normen beseitigt und durch diejenigen einer angeblich universal gültigen kommunikativen Vernunft ersetzt.
Mehr Nietzsche als Marx
Man kann es auch anders formulieren: Hatten die Lehrer von Habermas, insbesondere Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die prägenden Persönlichkeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, ein klares Gespür für den autoritären und totalitären Charakter angeblicher Vernunft, so übersieht Habermas in seinem hegelschen Fortschrittsoptimismus die restriktiven Tendenzen, die insbesondere auch emanzipatorischen Gesellschaftsbewegungen innewohnen.
Faktisch möchte Habermas die Gesamtgesellschaft auf ein linkes Politprojekt festlegen, indem er dieses als Postulat der kommunikativen Vernunft ausgibt, das ohne logischen Selbstwiderspruch nicht zu hintergehen ist.
Dabei hatten Horkheimer und Adorno in ihrem epochalen Werk über «Die Dialektik der Aufklärung» zu zeigen versucht, dass und warum die Aufklärung letztlich gescheitert ist und in Form von Faschismus, Stalinismus und kapitalistischer Massengesellschaft in ihr Gegenteil umschlägt.
Damit entfaltet das Denken von Horkheimer und Adorno eine extrem subversive Kraft, da es Herrschaft selbst – egal, ob faschistisch, stalinistisch und kapitalistisch – in Frage stellt und die Gefährdung der Autonomie des Individuums durch sich aufklärerisch gebendes Denken herausstellt. Im Jargon der beiden Autoren: «Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.»
Zwar sei der einst mystische Zugang zur Welt, wie ihn noch die Antike kannte, rational aufgeklärt worden. Doch mit der stufenweisen Vervollkommnung der Naturbeherrschung und dem Siegeszug einer instrumentellen Vernunft sei Aufklärung in Herrschaft umgeschlagen. Um diese zu rechtfertigen, werde Aufklärung schliesslich selbst zur Mythologie, indem sie die gesellschaftlichen Verhältnisse und technischen Anwendung als zwangsläufig, unabwendbar und vernünftig darstelle.
Der angeblich emanzipierte Mensch in der angeblich freien Gesellschaft unterwerfe sich diesem Diktat, weil die moderne technisierte Konsum- und Massengesellschaft ihn qua Medien und Kulturindustrie in einen Verblendungszusammenhang stelle, der Unfreiheit als Freiheit erlebbar mache und Gleichförmigkeit als Individualismus. Aufklärung und Vernunft zerstörten sich schliesslich selbst.
Wie sehr Adorno und Horkheimer recht behalten sollten, zeigt sich an ihrem wichtigsten Schüler.
Da die sogenannte Frankfurter Schule, sprich das dortige Institut für Sozialforschung, nicht zuletzt aufgrund der Gründungsgeschichte unter Gründungsdirektor Carl Grünberg, als marxistische Institution wahrgenommen wurde, übersah man leicht, dass Horkheimer und Adorno in ihrer Kulturkritik wesentlich mehr von Nietzsche als von der marxistischen Theorietradition beeinflusst worden waren. Letztlich zeigte sich für sie hinter den Vernunftansprüchen der Gegenwart, ihrer Objektivitätsrhetorik und universalistischen Moral nichts anderes als Herrschaftsformen und Methoden der Homogenisierung.
Moral des Konformismus
Wie sehr Adorno und Horkheimer recht behalten sollten, zeigt sich an der intellektuellen Entwicklung ihres wichtigsten Schülers Habermas, der – inzwischen nach Starnberg ans Max-Planck-Institut gewechselt – den subversiven Charakter des Denkens der Frankfurter Schule aufgibt und durch eine Apologie einer angeblichen universal gültigen Vernunft ersetzt, deren moralische Unbezweifelbarkeit autoritäre Züge trägt. Selbstverständlich ist Habermas nicht für die Fehler der heutigen Politik verantwortlich. Doch er hat mit feinem soziologischem Gespür die Entwicklung moderner Gesellschaften richtig vorhergesehen und als Entfaltung der Vernunft begrüsst.
So erwuchs aus dem ursprünglich antiautoritären Impuls der Aufklärung schliesslich der rigide autoritäre Politwächter unserer Tage. Der autoritäre Charakter, eigentlich Feindbild der 68er-Bewegung, feiert bei deren Erben fröhliche Urständ.
Wie in einer hedonistischen Konsumgesellschaft nicht anders zu erwarten, ereifert sich der autoritäre Charakter unserer Tage allerdings nicht über lockere Sexualmoral, Kindergeschrei oder ungepflegte Vorgärten. Stattdessen ereifert er sich über die falsche Haltung zu Umweltfragen oder zur Genderdebatte.
Befreit von der Aura restriktiver Spiessigkeit und ausgestattet mit den Insignien des modernen Lifestyles, die seine Lockerheit und Weltoffenheit beglaubigen, sieht sich der autoritäre Persönlichkeitstyp nunmehr berufen, alles zu bevormunden und zu reglementieren, was dem herrschenden Politzeitgeist widerspricht. Getrieben von dem für ihn typischen Bedürfnis nach Konformismus reproduziert er eifrig die Moral der herrschenden Mehrheitsdiskurse. Indem er «Haltung zeigt», befriedigt er so seine Sehnsucht nach Anpassung, sieht sich durch die abendliche Talkshow bestätigt und fühlt sich dennoch als kleiner Held.
Erkannten Adorno und Horkheimer in dieser Farce die in Gegenaufklärung umschlagende Aufklärung, das Scheitern der Moderne als Projekt und einen neuen Autoritarismus, so feiert ihr Schüler Habermas das Wiederauferstehen des autoritären Charakters als Sieg der aufgeklärten Vernunft und der kommunikativen Praxis. Selten hat ein Schüler seine Lehrer so sehr bestätigt.
Alexander Grau ist ein deutscher Philosoph und Publizist. Zuletzt von ihm erschienen: Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit (Claudius, 2023).