Mit dem Ende der US-Vorherrschaft sei auch die Zeit der scheinbaren Sicherheit vorbei: Der Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer sieht die Welt erneut in einer Ära multipolarer Grossmächte, die miteinander in Konkurrenz stehen. In einem Beitrag für die renommierte Fachzeitschrift International Security analysiert er den grundlegenden Wandel internationaler Beziehungen seit dem Ende der unipolaren Welt (1991 bis 2017). Mearsheimer warnt vor einem Wiederaufleben von Kriegen zwischen Grossmächten.
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«Krieg ist die dominierende Eigenschaft internationaler Politik», schreibt der Professor der University of Chicago. In einem System ohne übergeordnete Autorität – der internationalen Anarchie – könne kein Staat sicher sein, nicht selbst Ziel eines Angriffs zu werden. Auch wenn Kriege zwischen Grossmächten angesichts nuklearer Abschreckung seltener geworden seien, bleibe das Potenzial zur Eskalation bestehen – gerade durch sicherheitspolitischen Wettbewerb, den sogenannten Sicherheitsdilemmata.
Die Rückkehr von China und Russland als Grossmächte habe das globale Machtgefüge verändert. Der frühere Optimismus, dass liberale Werte und wirtschaftliche Verflechtung Konflikte dauerhaft verhindern könnten, ist laut Mearsheimer ein Irrtum. Liberale Denkschulen, die während der US-Dominanz die Debatte prägten, seien blind für militärische Realitäten.
Staaten seien primär an ihrem Überleben interessiert – und griffen, wenn nötig, auch zu Gewalt, selbst wenn dies völkerrechtlich fragwürdig sei. Präventivkriege und Gelegenheitskriege sind laut Mearsheimer keine Ausnahmen, sondern realpolitische Logik. In einem anarchischen System müssten Staaten tun, was nötig sei, um sich zu schützen, so Mearsheimer.
Seine Analyse ist ein Plädoyer für eine Rückbesinnung auf die Grundmechanismen internationaler Politik: Macht, Sicherheit und Krieg – nicht Regeln und Moral – bestimmten letztlich das Verhalten von Staaten.