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Putin-Verblödungssyndrom

Putin-Verblödungssyndrom

Fällt sein Name, hört das rationale Denken auf.

Das grosse Thema, das grosse Dogma in Deutschland ist nach wie vor der Ukraine-Krieg. Die Medien sind die schrillste Kriegspartei. Es ist ja unglaublich, wie FAZ, Welt und sogar die linke Süddeutsche sich jetzt die Schuhe abputzen an den sozialdemokratischen Politikern um Rolf Mützenich und Ralf Stegner, die in einem Friedensmanifest einen Kurswechsel in der Russlandpolitik fordern. Diplomatie statt Waffen und Konfrontation, so lässt sich das zusammenfassen.

MIKHAIL METZEL/SPUTNIK/KREMLIN P / KEYSTONE
Früher oder später wird Deutschland mit den Russen reden müssen: Präsident Putin.
MIKHAIL METZEL/SPUTNIK/KREMLIN P / KEYSTONE

Die SPD-Veteranen haben recht. Deutschland kann sich den Krieg mit Russland nicht leisten. Aber die Politiker, deren einseitige Strategie der Waffen und Sanktionen offensichtlich scheiterte, geben nicht zu, dass sie sich geirrt haben. Stur beharren sie auf ihrem -falschen Plan, erinnernd ein berühmtes Zitat von Einstein. Der Nobelpreisträger definierte ein Verhalten, das unter Beibehaltung der immergleichen Handlungen andere Resultate erhoffe, als klinischen Wahnsinn. 

 

Portugal mit Atomraketen?

Hochmut kommt vor dem Fall. Die deutschen Politiker haben Russland von Anfang an unterschätzt. Man spottete über diese mindere Volkswirtschaft, kleiner als die in Italien, eine Art Portugal mit Atomraketen. Jetzt zeigt sich, dass unter den Atommächten Russland möglicherweise die unabhängigste ist. Mit seinen Rohstoffen und aufgrund der schieren Grösse hat sich Russland als überraschend robust erwiesen. Natürlich gibt es erhebliche Probleme, aber der angepeilte Kollaps blieb aus. 

Die Frage ist vielmehr, ob Deutschland, ob dessen Wirtschaft auf die Zusammenarbeit mit Russland verzichten kann. Namhafte deutsche Experten verneinen dies, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Man darf es nicht aussprechen. Die deutsche Konsensdemokratie duldet keinen Widerspruch, da sie ihn nicht verkraftet. Dabei ist es offensichtlich: Die Energiepreise schossen nach dem Russen-Boykott durch die Decke. Wieder einmal stellt Deutschland den Moralismus über die Vernunft. 

Die Medien tragen hier eine ganz grosse Mitschuld. Statt die Mächtigen zu hinterfragen, spielen sie den Bodyguard. Über den Ukraine-Krieg liest man keine nüchternen Abhandlungen, nur Propaganda, Verteufelung, regelrechten Hass. Das ist umso merkwürdiger, als die Russen doch wesentlich geholfen haben, die Deutschen von ihrem eigenen Teufel zu befreien, vom Diktator Hitler. Die Erinnerung daran verblasst dramatisch. Als ob die Russen heute schlimmer wären als die damaligen Deutschen.

Wo bleibt der Widerspruch? Wo sind die kritischen Journalisten? Zur ganzen Wahrheit gehört, dass Putin mit seinem Angriff auf die Ukraine vor allem die Deutschen in die Bredouille brachte. Berlin kann Moskau nicht die Hand reichen, wenn dazwischen Grenzen gewaltsam verschoben werden. Zu sehr erinnerte dies an den unseligen Teufelspakt zwischen Hitler und Stalin, in dem die Diktatoren faktisch die Aufteilung Polens beschlossen, zwei Weltmetzger und ihr erstes Opfer.

 

Feindbildorgien benebeln Verstand

Aber Achtung: Putin ist kein Stalin, er ist auch kein Hitler. Die Feindbildorgien gegen Russland benebeln den Verstand. Die Ursachen des Ukraine-Kriegs sind vielfältig. Wichtiger Auslöser war die Ausweitung der Nato nach Osten. Die Russen wollen keine US-Atomraketen auf ihrem ehemaligen Staatsgebiet, dort, wo sie die Wiege ihrer Kultur erblicken. Ist das ein Verbrechen? Natürlich gibt es keine ewigen Ansprüche auf Gebiete. Aber war es wirklich nötig, Russland wegen der Ukraine bis aufs Blut zu reizen?  

Putin ist ein Autokrat, ein Stabilokrat, ein Diktator vielleicht, aber er ist kein Willkürherrscher, kein Verrückter, auch nicht lebensmüde. Hitler begann seine völkermörderische «Lebensraum»-Eroberung nach nur sechs Jahren Regierungszeit im Alter von knapp fünfzig. Putin war schon über zwanzig Jahre Präsident, ehe er seine Truppen in die Ukraine schickte. Das sagt nicht alles, aber einiges. Der Westen gibt Putin an allem die Alleinschuld. Warum? Um von der eigenen Mitschuld abzulenken.

Aber der russische Präsident ist doch ein Krimineller, ein Schwerverbrecher! Mit so einem darf man niemals an einem Tisch sitzen! Man muss ihn stoppen, loswerden, einsperren! So reden nicht wenige, von keinem Zweifel angekränkelt, Russlandexperten, Putinologen allesamt, in Brüssel, Warschau, Berlin oder -Washington. Putin, das Monster? Und selbst wenn er das wäre: Was folgt? Ewiger Krieg in der Ukraine? Einsatz von Bodentruppen? Atombomben gegen das Ungeheuer aus dem Osten?

 

Widerspruch des Roten Kreuzes

Kriege sind schrecklich. Es gibt auch keine Kriege ohne Kriegsverbrechen. In der Ukraine werden sie von beiden Seiten verübt. Der Behauptung, Russland führe einen Vernichtungsfeldzug gegen die Zivilbevölkerung, widerspricht das neutrale Rote Kreuz. Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer, deshalb Vorsicht bei Gräuelnachrichten hüben wie drüben. Wir wollen nichts beschönigen, aber auch die Amerikaner sind keine Engel. In Vietnam wüteten die USA schlimmer als die Russen in der Ukraine. 

Nein, eine Untat rechtfertigt nicht die -andere. Aber hat man deswegen zum Weltboykott gegen die USA getrommelt? Es gab Demonstra-tionen, Proteste, zu Recht, aber viele Politiker bewahrten einen kühlen Kopf. Am Schluss sassen die Amerikaner mit den Nordvietnamesen zusammen und handelten einen Frieden aus. So könnte es auch in der -Ukraine laufen. Doch ausgerechnet die Deutschen, offenbar hypnotisiert von Selenskyj, stellen sich der Diplomatie in den Weg.  

An einer Medienkonferenz sagte US-Präsident Donald Trump dieser Tage Bemerkenswertes: «Die Russen kämpften an unserer Seite im Zweiten Weltkrieg, und alle hassen sie. Aber Deutschland und Japan sind in Ordnung. Es ist eine seltsame Welt.» Trump hat recht. Es braucht eine Rückkehr zur Sachlichkeit. Es braucht eine Abkehr vom Dämonenkult um den russischen Präsidenten. Das Feindbild Putin ist zum Denkersatz geworden, zum Alibi für jeden Unsinn, zum Treibstoff eines Kriegs, den man militärisch nicht gewinnen kann.

Die Welt verändert sich. Die Zeiten der einsamen US-Dominanz sind vorbei. China ist auf der Überholspur. Russland hat sich vom Zusammenbruch der Sowjetunion erholt. Indien gehört inzwischen zu den Grossen. EU-Europa fällt immer mehr zurück, kompensiert das eigene Versagen mit der unangenehmen Rolle des Oberschulmeisters, der dem Rest der Welt am liebsten die Leviten liest. Das ist lächerlich und wird auch so empfunden.

 

Mützenich und Co. liegen richtig

Die gute Nachricht lautet: Die Menschen sind zur Zusammenarbeit verdammt. Keine Zivilisation, kein Staat, kein Staatengebilde ist stark genug, um alleine auszukommen. Das war vor hundert Jahren anders. Heute haben die Menschen die Vorteile, den Wohlstand des Freihandels, der Arbeitsteilung, der Vernetzung erkannt. In Brüssel und Berlin aber tun sie so, als ob man Länder wie Russland einfach isolieren, ausgrenzen könne. Dabei schadet die Ausgrenzung den Europäern mehr als den Russen.

Deutschlands Politik, Deutschlands Medien sollten sich lösen vom Putin-Verblödungssyndrom. Fällt sein Name, hört das rationale Denken auf. Aber Russland ist mehr als Putin, und in der Politik geht es um Interessen, nicht um Gut gegen Böse. Russland bleibt. Früher oder später wird Deutschland mit den Russen wieder zusammenarbeiten müssen, Mützenich und Co. liegen richtig. Mit ihrem Friedensmanifest denken sie über den blutigen Horizont des Kriegs hinaus. 

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