Weihnachten, so verkünden es Schnulzen, Ansprachen und Predigten, ist das Fest der Liebe, der Aussöhnung, des Vergebens.
Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Wolodymyr Selenskyj wich in seiner Weihnachtsbotschaft vom Skript ab. Er begann harmlos und beschwor den Volksglauben, wonach Gott in der Christnacht aufrichtige Wünsche erfüllt.
«Heute», fuhr er fort, «teilen wir alle einen Traum und äussern alle einen Wunsch – für uns alle. ‹Möge er zugrunde gehen›, mag jeder von uns insgeheim denken.»
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Namen brauchte er keinen zu nennen. Jeder wusste, wem er den Tod an den Hals wünschte: Wladimir Putin.
Es ist sein gutes Recht, insgeheim so über ihn zu denken. Man möchte nicht wissen, was Putin über ihn, was Europas Führer über Donald Trump oder übereinander denken.
Sie sagen es nur nicht, weil sie wissen, dass alle miteinander auskommen müssen. Auch mit Putin und auch Putin mit Selenskyj.
Die Stilisierung des Kremlchefs zur Ausgeburt der Hölle, an der sich der ganze Westen beteiligte, ist kurzsichtig, negiert sie doch Realpolitik.
Denn wie werde ich der Welt erklären, wenn ich dem Teufel doch wieder die Hand gebe?