Der Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba warnt in einem Interview mit Focus Online vor der Entstehung neuer krimineller Netzwerke unter einem kleinen Teil syrischer Zuwanderer in Deutschland. Der Wissenschaftler vom Forschungszentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) an der Universität Erlangen beobachtet laut eigenen Angaben, dass sich seit den Flüchtlingsbewegungen ab 2015 innerhalb einer kleinen Minderheit der rund eine Million nach Deutschland gekommenen Syrer unterschiedliche kriminelle Strukturen herausgebildet haben. Dazu gehörten familien- oder verwandtschaftsbasierte Gruppen ebenso wie lockere Netzwerke, die auf gemeinsamer regionaler Herkunft oder persönlichen Beziehungen beruhen. Auch Jugendbanden spielten dabei eine Rolle.
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Nach Einschätzung Jarabas treten solche Gruppen vor allem in Deliktfeldern auf, in denen Vertrauen und Abschottung entscheidend sind. Dazu zählen Schleusungskriminalität, informelle Geldtransfers über sogenannte Hawala-Systeme, Drogenhandel sowie Gewaltkriminalität. Die Netzwerke reichten von kleinen lokalen Gruppen bis hin zu überregional verbundenen Strukturen.
Der Politikwissenschaftler sieht Parallelen zur Entwicklung der klassischen Clan-Kriminalität in Deutschland in den 1980er- und 1990er-Jahren. Damals seien grössere Familien aus dem Libanon und der Türkei als Flüchtlinge eingereist, wobei ein Teil später kriminelle Strukturen aufgebaut habe.
Jaraba kritisiert, dass Politik und Behörden die Entwicklung erneut zu spät ernst nähmen. «Das Phänomen wird vielerorts noch immer lokal behandelt, obwohl es längst bundesweite Dimensionen hat und strategisch auf Bundesebene angegangen werden müsste», erklärte er.
Die entsprechenden Strukturen seien inzwischen nicht mehr nur in traditionellen Brennpunkten wie Berlin, Bremen oder dem Ruhrgebiet zu beobachten, sondern auch in weiteren Regionen, darunter Baden-Württemberg, Hamburg und Leipzig. Jaraba fordert deshalb eine konsequentere Strafverfolgung, schnellere Gerichtsverfahren sowie eine engere Zusammenarbeit von Polizei, Justiz und Behörden. Parallel müsse die Prävention in Schulen, Jugendhilfe und sozialen Brennpunkten ausgebaut werden.