In Zürich verprügelt ein 40-jähriger Kosovare einen 26-jährigen Juden. Motiv: Antisemitismus. Dies im besonnenen Zürich. Ein Versehen? Ein Einzelfall? Leider nein, sagt Philipp Peyman Engel, Chefredaktor der Traditionszeitung Jüdische Allgemeine. Verbale Attacken, körperliche Gewalt, Polizeischutz vor Synagogen gehören heute zum Alltag. Engel beschreibt eine Realität, in der jüdische Identität zunehmend versteckt werden muss – sogar in Zürich. Dramatischer sei die Lage in Deutschland. Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich das Leben vieler Juden in Europa «fast existenziell» verändert. Seite 26
© The National Gallery, London
Ein Kuss kann etwas ganz Grosses in Gang setzen, schreibt Ulrike Zeitlinger. Sie hat soeben ein Buch zum Thema veröffentlicht. Die langjährige Chefredaktorin verschiedener Zeitschriften beschäftigt sich in dieser Ausgabe mit der Kunst des Küssens. Unter anderem geht die Autorin der Frage nach, weshalb es Frauen lieber tun – und wie sie geküsst werden wollen. Seite 24
«Der Gedanke, diesen Ort jemals zu verlassen, erschien mir beinahe unerträglich», schrieb Herman Melville. Ein Satz, der programmatisch für die koloniale Sehnsucht klingt — und der ebenso aus Alberto Venzagos Notizbuch stammen könnte. Seit 35 Jahren folgt er den Spuren jener Frauen, die Paul Gauguin in der Südsee malte, und sucht nach ihren Nachkommen. Ein schwieriges Unterfangen. In Gemeindearchiven und den Taufregistern der katholischen Kirche finden sich zwar Namen, doch Heiraten, schnelle Scheidungen, tahitianische Familienbeziehungen, marquesische Dialekte und französische Namensformen haben über Generationen hinweg ein Geflecht entstehen lassen, das genealogische Gewissheiten immer wieder auflöst. Und all das in einer Umgebung, die zur Verführung neigt. Heiss, feucht, verlangsamend – ein Klima, das Erinnerungen weichzeichnet und Gedanken träge werden lässt. Eine Expedition ans andere Ende der Welt. Eine Reise zwischen Recherche und Rausch, zwischen Dokumentation und Projektion. Ein Ort für Träume. Seite 32
An einem Parteitag der KPdSU prägte Lenin 1920 einen Satz, der berühmt wurde: «Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus die Elektrifizierung des ganzen Landes.» Wie enthusiastisch seine Zeitgenossen auf die Elektrizität als Zukunftshoffnung setzten, zeigt der Sammelband «Im Lichtozean». In der neuen Energie sahen Literaten, Philosophen und Wissenschaftler jener Zeit «den Schlüssel zur Erforschung des Universums und zum Sieg über dasselbe». Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer erkennt zur damaligen Euphorie angesichts einer bevorstehenden «Verwandlung der Welt» eine Parallele in unserer Zeit: die vielleicht ähnlich falschen Erwartungen, die wir mit der künstlichen Intelligenz verbinden. Seite 40
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