Zugegeben: Es gibt sinnvollere Dinge, die man an einem sonnigen Pfingstsonntag tun kann, als stundenlang am TV Tennis zu schauen. Doch beim Final des French Open zwischen dem Spanier Carlos Alcaraz und dem Südtiroler Jannik Sinner blieb man fasziniert und staunend hängen – und man liess sogar das Abendessen unberührt.
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Eigentlich schien die Sache nach vier Sätzen gelaufen: Der Weltranglistenerste Sinner, der bereits die ersten beiden Durchgänge gewonnen hatte, führte mit 5:3 und 40:0. Der Pokal wurde poliert – und die Gravur vorbereitet. Doch dann zelebrierte Alcaraz, die Nummer zwei der Welt, die epische Auferstehung – wie man sie eher an Ostern erwarten würde.
Schritt für Schritt, Punkt für Punkt arbeitete er sich vor. Er glich im Tiebreak nach Sätzen aus – und wurde im fünften Durchgang mit jedem Schlag noch besser. Nun stand Sinner mit dem Rücken zur Wand – und rettete sich seinerseits in ein Tiebreak. Aber dort veredelte Alcaraz nach über fünfeinhalb Stunden seine heroische Rückkehr zum grandiosen Triumph.
Am Tag danach fragen sich die Weltmedien: War dies das grösste Tennisspiel, das wir je gesehen haben? Sind Sinner und Alcaraz die neuen Giganten des edlen Spiels?
Beide Fragen verdienen eine simple Antwort: Ja! Selbstverständlich gab es immer epische Duelle: Borg gegen McEnroe, Navratilova gegen Evert, Graf gegen Hingis, Becker gegen Lendl, Agassi gegen Sampras, Federer gegen Nadal. Und auch die Williams-Schwestern hoben den Tennissport einst auf eine neue Stufe.
Doch selbst Andre Agassi musste sich am Pfingstsonntag auf der Tribüne des Court Philippe Chatrier in Roland Garros eingestehen: Seit seinem Paris-Sieg (1999) hat sich dieser Sport in einer Weise entwickelt, wie es schier nicht zu glauben ist.
Carlos «Carlitos» Alcaraz, diese 22-jährige Urgewalt mit der Kampfkraft eines Löwen, ist der Mann, der den Tennissport in eine neue Dimension führen kann. Und Jannik Sinner, sein rund zwei Jahre älterer Antipode, hat alles, eine jahrelange Rivalität zu etablieren.
Gibt es in dieser Sternstunde einen Schatten, ist es Sinners Vorgeschichte auf dem Weg nach Paris. Nach einem positiven Dopingbefund wäre er eigentlich gesperrt gewesen. Doch auf dem kurzen Dienstweg einigte er sich mit der Welt-Anti-Doping-Agentur auf eine Sperre von drei Monaten.
Was uns unmissverständlich in Erinnerung ruft: Im Tennis ticken die Uhren anders als in anderen Sportarten. Im Guten wie im Schlechten.