Neujahrsempfänge des diplomatischen Korps – ein traditionsreiches Ritual in den Hauptstädten dieser Welt – sind naturgemäss nicht besonders spannend. Man ist eben diplomatisch. Besonders zurückhaltend gibt man sich dabei im Vatikan. Schliesslich will es sich der Kirchenstaat mit keinem Regime aus der Welt ernsthaft verscherzen.
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Umso mehr lässt die Deutlichkeit aufhorchen, mit der der neue Papst Leo XIV. in seiner ersten Ansprache vor den am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten auf zentrale Fragen der Gegenwart einging – und es nicht dabei beliess, wohlfeil Frieden und Gerechtigkeit zu fordern.
Stattdessen legte er seine Finger in die Wunde. Etwa in unserem Umgang mit der Sprache, die immer fluider und mehrdeutiger werde. Sie diene nicht mehr der Verständigung, sondern als Waffe. Doch echter Dialog beruhe auf Eindeutigkeit und Klarheit. Diese müsse auf allen Ebenen der Gesellschaft herrschen, in der Familie ebenso wie zwischen den Staaten.
Allerdings würden, so der Papst, diese Eindeutigkeit und Klarheit der Worte häufig im Namen der Meinungsfreiheit angegriffen. Insbesondere im Westen werde der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt, «während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschliessen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist».
Was für bemerkenswerte Worte. Zumal die katholische Kirche in ihrer bald zweitausendjährigen Geschichte auch nicht immer als Bastion der Meinungs- und Gewissensfreiheit galt. Umso schöner, dass der Papst nun auf dieses wichtigste aller Grundrechte aufmerksam macht. Denn ohne Meinungsfreiheit sind alle anderen Rechte Makulatur. Was nützt einem beispielsweise Religionsfreiheit ohne die Freiheit der Meinungsäusserung? Allerdings darf bezweifelt werden, dass die Worte des Papstes überall gehört werden. Denn die Moralinquisitoren der Gegenwart sind Fundamentalisten ganz neuer, säkularer Kirchen.