Donald Trumps Auftritt am Weltwirtschaftsforum in Davos hat eine tiefe Kluft zwischen Europa und den USA offenbart. Während EU-Staatschefs wie Ursula von der Leyen, Emmanuel Macron und Friedrich Merz dem US-Präsidenten deutlich die Stirn boten, blieb die Kritik aus Kiew auffällig einseitig. Das irritiert Anders Åslund, Ökonom und Osteuropa-Experte, wie er in Beitrag für das Portal Kyiv Post schreibt.
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Trump, so Åslund, habe sich in Davos anti-europäisch geäussert und seine Entourage sei gar von sonst diskret auftretenden Gästen ausgebuht worden. Dass selbst europäische Nationalisten Protest äusserten, zeige, wie sehr der Ton aus Washington die europäischen Partner beleidigt habe.
Im Gegensatz dazu habe der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zwar eine starke Rede gehalten – doch deren Hauptziel war Kritik an Europa: zu langsam, zu wenig. Dabei verschweige er den eigentlichen Skandal – dass Trump sämtliche Hilfen an die Ukraine eingestellt habe. «Selenskyj sollte besser differenzieren», mahnt Åslund.
Tatsächlich stehe Europa mit 90 Milliarden Euro zugesagter Unterstützung an der Seite der Ukraine, während Trump Kiew zur Preisgabe von Territorien dränge und Putins Kurs offen schone. «Europa hilft der Ukraine, Trump hilft Putin», lautet Åslunds Fazit. Auch in der Uno stimmte Trumps Regierung zuletzt mit Russland gegen Resolutionen zur Verurteilung des Angriffskriegs.
Zwar habe Selenskyj zu Recht auf Europas Zögern bei der Beschlagnahmung russischer Öleinnahmen hingewiesen, doch verkenne er: Die EU habe ihre Importe drastisch reduziert, während die USA unter Trump neue Ölprojekte mit Russland diskutierten.
Åslund plädiert für Klarheit: Die Ukraine brauche europäische Solidarität – politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch. Wer dies untergrabe, sei nicht Europa, sondern Trump.