Die Deutschen arbeiten weniger als fast alle anderen Industrienationen – das berichtet die Bild-Zeitung mit Berufung auf eine aktuelle Studie der OECD. Mit durchschnittlich 1347 Arbeitsstunden pro Person im Jahr belegt Deutschland den letzten Platz unter den Mitgliedsländern. Zum Vergleich: In Frankreich liegt der Schnitt bei 1501 Stunden, in Polen bei 1803 und in Griechenland bei 1897.
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CDU-Kanzler Friedrich Merz macht die Arbeitszeit zum politischen Thema. Auf dem Wirtschaftsforum seiner Partei erklärte er: «Wir müssen in diesem Land wieder mehr arbeiten – und vor allem effizienter. Mit der Viertagewoche und ‹Work-Life-Balance› werden wir unseren Wohlstand nicht halten können.» Seine Forderung stösst bei Gewerkschaften und Teilen der Opposition auf Widerstand.
Auch in der internationalen Presse schlägt das Thema Wellen. The Economist titulierte kürzlich «Deutsche Faulenzer» und verwies neben den geringen Arbeitszeiten auch auf die hohe Zahl an Feiertagen. Bayern kommt auf dreizehn gesetzliche Feiertage, deutlich mehr als in anderen Bundesländern. Clemens Fuest vom Münchner Ifo-Institut forderte, mindestens einen Feiertag zu streichen – ein Schritt, der laut seinen Berechnungen das Bruttoinlandsprodukt um rund acht Milliarden Euro steigern könnte. Als Vorbild nennt The Economist Dänemark, wo 2023 der Grosse Bettag zur Finanzierung militärischer Ausgaben abgeschafft wurde – trotz massiver Proteste.
Doch es regt sich auch Kritik am OECD-Ranking. Experten verweisen auf methodische Unterschiede in der Erfassung der Arbeitsstunden, wie Le Monde berichtet. Das französische Institut Rexecode etwa kommt zu einem differenzierteren Bild und sieht Deutschland eher im Mittelfeld der nordeuropäischen Länder.
Dennoch bleibt die Kernfrage bestehen: Kann ein Land mit so wenig Erwerbsstunden langfristig seine wirtschaftliche Schlagkraft und seinen Sozialstaat erhalten? Merz hat die Diskussion eröffnet – und dürfte sie in den kommenden Monaten weiter forcieren.