In Deutschland wirbelt die Causa um den Lehrstuhl für Neueste Geschichte von Peter Hoeres und seinem Mitarbeiter Benjamin Hasselhorn einigen Staub auf: Das Studierendenparlament der Universität Würzburg fasste am 12. März 2025 einen Beschluss «Gegen neurechte Diskursverschiebung in der Lehre». Es hatte, so die NZZ, für eine «maximale Öffentlichkeitswirkung» Pressevertreter hinzugebeten, wie der Bayerische Rundfunk (BR) und die Main-Post beide am 19. März 2025 berichteten. Der Kanzler der Hochschule sowie eine Vizepräsidentin sollen in die Vorbereitungen zu diesem Angriff auf den Lehrstuhl Hoeres involviert gewesen sein (vgl. die Berichte im Cicero und in der Welt).
Eine gleichwertige Kontaktaufnahme galt aber nicht für die Verfemten: Die Universitätsleitung blieb Hasselhorn offenbar bis heute persönliche Gespräche schuldig; Hoeres wurde erst zwei Wochen nach Beginn der Rufmordkampagne vom Universitätspräsidenten empfangen. Auch der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in Bayern e. V., der am 28. März seine Unterstützung für Hasselhorn und Hoeres erklärt hatte und von einem «linken Beschluss im Studierendenparlament» spricht, wurde anscheinend bisher nicht von der Hochschulleitung angehört.
Dasselbe gilt für die Gesprächsbitten, die die studentischen sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Lehrstuhls an die Universitätsleitung gerichtet haben. Auch die von der Universitätsleitung zur Klärung der Vorwürfe eingerichtete «Task-Force» hat offenbar mit den studentischen Beschwerdeführern gesprochen, aber weder Hoeres noch Hasselhorn selbst bisher angehört.
Die «Kampagne gegen den Lehrstuhl für Neueste Geschichte» könne, so Ferdinand Knauss im Cicero, gemäss den Protokollen des Studierendenparlaments und ihres Leitungsgremiums «womöglich von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft [GEW] beziehungsweise vom Würzburger GEW-Vorsitzenden Riccardo Altieri» ausgehen. Altieri, unter anderem Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Würzburg, ist links positioniert und eng mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung verbandelt.
Bereits vor rund sieben Jahren hatte er Vertreter der Neuesten Geschichte in Würzburg öffentlich attackiert. So unterstellte er am 16. Oktober 2018 in einem Artikel auf Hagalil.com Hoeres eine Verharmlosung von Antisemitismus mit «Marginalisierungen historischer Ereignisse». Die beiden Absätze zu Hoeres wurden jedoch vor kurzem gelöscht; sie sind nur noch per Wayback-Maschine nachweisbar.
Auch einem Kollegen von Hoeres, Rainer Schmidt, hatte Altieri 2018 «Revisionismus» vorgeworfen, weil dieser von einer Mitverantwortung Frankreichs für das Zustandekommen des Ersten Weltkriegs ausgehe (S. 9–29). 2020 wurde Hasselhorn durch einen Promotionsstipendiaten der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Vorwurf angegriffen, «einem neurechten Netzwerk in den Geisteswissenschaften» anzugehören; auch Hoeres konfrontierte er mit einem Vorwurf der Nähe zur AfD. Altieri unterstützte diesen Artikel in den sozialen Medien.
Das Verhalten der Hochschulleitung im aktuellen Fall Hoeres und Hasselhorn könnte angesichts dieser Vorgeschichte als Verletzung ihrer Verpflichtung zu politischer Neutralität angesehen werden. Hinzu kommt, dass die Julius-Maximilians-Universität Würzburg zu den mehr als sechzig deutschsprachigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen gehört, die mit einer gemeinsamen öffentlichen Erklärung die Plattform X (ehemals Twitter) medienwirksam verlassen haben. Die Kündigung der Accounts wurde damit begründet, dass X nicht mehr mit ihren «Grundwerten» wie «Weltoffenheit, wissenschaftliche Integrität, Transparenz und demokratischer Diskurs» zu vereinbaren sei. Die zeitliche Koordination der Erklärung vom 10. Januar 2025 mit Alice Weidels «Space»-Gespräch mit Elon Musk am 9. Januar 2025 deutet an, dass jedoch vielmehr Musks Wahlwerbung für die AfD ausschlaggebend gewesen sein könnte. Obwohl diese gegen eine Partei gerichtete Positionierung auf eine indirekte und verdeckte Weise erfolgt, ist sie für die Wählerwahrnehmung mehr als naheliegend. Für eine solche Interpretation könnte die Erklärung nicht nur eine Aktion wehrhafter Demokratie, sondern auch eine parteipolitische Positionierung der beteiligten Universitäten darstellen. Die politische Neutralität wird zwar nicht durch den Wortlaut der Erklärung verletzt, könnte aber sehr wohl durch die performative Wirkung der zeitlichen und kontextuellen Positionierung beschädigt sein.
Dieser Kontext könnte erklären, weshalb die Würzburger Hochschulleitung ihr Ohr mehr den Vorwürfen «neurechter Tendenzen» durch die linken Ankläger als einer Stellungnahme und Rechtfertigung durch die nichtlinken Beschuldigten und deren Fürsprecher wie RCDS, Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und dem örtlichen FDP-Kreisverband geöffnet hat: Sie will anscheinend sichtbare Zeichen im «Kampf gegen rechts» setzen. Sie erweckt dabei aber für den aussenstehenden Betrachter den Eindruck, sich «durch Links» vereinnahmen zu lassen.
Parteiliches Verhalten von Hochschulleitungen nimmt in den letzten Jahren auch unabhängig von konkreten parteipolitischen Einfärbungen zu. In dem Buch mit dem verstörenden Titel «Wer stört, muss weg! Die Entfernung kritischer Professoren aus Universitäten» (2024) zeigen Heike Egner und Anke Uhlenwinkel nicht nur einen neuen Trend zu Degradierung und Entlassung an Hochschulen, sondern auch, dass den disziplinarischen Maßnahmen oftmals Mobbing vorausgeht. Die Medien werden zur «Skandalisierung der Äußerungen eines Professors» (S.51) instrumentalisiert und üben Druck auf Hochschulleitungen aus. Genau diese bewährte Technik wird auch in der Causa Hasselhorn und Hoeres angewendet. Professor Hoeres kontert mit einer medialen Gegenoffensive – einem probaten Mittel, einen öffentlichen Rufmord abzuwehren und vielleicht zu verhindern, dass die weitere akademische «Karriere eines jungen Wissenschaftlers», Hasselhorns, vernichtet wird.
Der mediale Druck, den Professor Hoeres aufbaut, scheint Wirkung zu zeigen: Heute hatte das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ihn zusammen mit dem Universitätspräsidenten Prof. Dr. Paul Pauli eingeladen. Die Presseerklärung des Ministeriums über dieses Treffen kündigt an, dass Hochschulleitung und Lehrstuhlinhaber sich dafür einsetzen werden, «den Hochschulfrieden und einen offenen Diskurs im Sinne der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an der JMU vollumfänglich zu wahren». Auch wird festgehalten, dass die «kritisierten Äusserungen und Publikationen … in keiner Weise zu beanstanden sind».
Der Verdacht, die Hochschulleitung sei möglicherweise ihrer Fürsorgepflicht nicht nachgekommen, wird zurückgewiesen: Sie werde «auch in Zukunft ihre Fürsorgepflicht vollumfänglich wahrnehmen und die Freiheit von Forschung und Lehre gewährleisten». Der dritte Punkt, dass «im Einvernehmen zwischen Fakultät und Lehrstuhlinhaber ein zusätzliches Lehrangebot eingerichtet werden» soll, ist wahrscheinlich so zu verstehen, dass im Sinne von Pluralität ein Lehrangebot nach dem Wunsch der links orientierten Kritiker geschaffen werden soll.
Allerdings fehlen in der Pressemeldung Hinweise auf eine ausdrückliche Zurückweisung der politisch motivierten Kampagne, die auf die Beschädigung der Historiker Hoeres und Hasselhorn zielt, durch das Ministerium sowie die Hochschulleitung. Stattdessen erfolgt mit der Aussicht auf ein zusätzliches Lehrangebot ein Zugeständnis an die Angreifer. Sinnvoller wäre vielleicht eine öffentliche Disputation zwischen den beiden Lagern, um den Konflikt auf eine Ebene diskursiver und argumentativer Auseinandersetzung zu heben.
Auch lässt die Pressemeldung Hinweise auf Massnahmen vermissen, wie die öffentlich angegriffene Reputation der betroffenen Wissenschaftler wiederhergestellt werden soll. Eine deutliche Distanzierung von diesem Versuch linker Cancel-Culture hätte ein Exempel statuieren können, welches dem besorgniserregenden Trend in der Hochschullandschaft zu vorauseilender politischer Korrektheit mit – gegebenenfalls – Linkslastigkeit und damit zur Beschädigung politischer Neutralität entgegenwirkt.
Cancel-Culture ist ein Instrument der Gewalt, das den argumentativen Diskurs ersetzt. Das darf und kann in einer freiheitlichen Gesellschaft, schon gar in der academia, nicht toleriert werden. Gerade der wehrhafte Einsatz für eine freiheitliche Demokratie, deren Ziel die Verteidigung, die Wahrung und die Pflege der Verfassung beziehungsweise unserer Grundrechte ist, verpflichtet öffentliche Einrichtungen zu politischer Neutralität und nicht zuletzt zur vollumfänglichen Wahrung der Freiheit von Meinung, wissenschaftlicher Forschung und akademischer Lehre.
Hochschulen sollten wieder ein wahrer Hort des freien Denkens und Redens sowie ein offenes Forum für Gespräch und argumentbasierte Kontroverse sein, sich als Institution beziehungsweise Institutionsvertreter eindeutig aus der Politik heraushalten und allen Formen des Mobbings und Cancelns entschieden entgegentreten.
Zur Autorin: Prof. Dr. phil. Henrieke Stahl lehrt an einer deutschen Universität slavische Literaturwissenschaft mit Schwerpunkten in der russischen Literatur, Philosophie und Kultur. Dieser Artikel gibt die private Meinung der Autorin wieder.