Nemo muss das alles gesehen, verstanden und sorgfältig abgespeichert haben.Denn vor der Malmoe Arena, Austragungsort des Eurovision Song Contest 2024, skandierten pro-palästinensische Aktivisten «Schande über euch» in Richtung jener Fans, die sich tatsächlich erdreisteten, ein Liederfestival besuchen zu wollen, an dem eine israelische Sängerin teilnahm.
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Auch Greta Thunberg fehlte nicht im Bild. In Keffiyeh gewandet, schloss sie sich dem «Stop Israel»-Marsch an und wurde kurz darauf von der schwedischen Polizei abgeführt. Ein symbolträchtiger Moment, der dem Wettbewerb eine politische Tiefenschärfe verlieh, von der frühere Jahrgänge nur träumen konnten.
Nemo indes liess sich nicht stören. Er trat für die Schweiz an, sang «The Code», gewann den Eurovision Song Contest 2024 und nahm die Trophäe freudestrahlend entgegen. Alles schien gut. Das System funktionierte für ihn.
Bis jetzt.
Denn «nicht länger» – also erst mit wohlbedachter zeitlicher Reife, fast zwei Jahre später – findet Nemo plötzlich, dass diese Trophäe «keinen Platz mehr in seinem Regal hat.» Erkenntnisse brauchen eben Zeit. Manchmal sogar länger als ein Refrain.
Umso vielsagender begründet Nemo seinen Entscheid mit dem Hinweis, die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der UNO habe Israels Vorgehen in Gaza als Genozid bezeichnet. Auch das offenbar eine späte Erkenntnis für Nemo: Der Bericht des UN-Gremiums lag bereits im September vor.
Und mit Verlaub: Der Begriff «Völkermord» zirkulierte im Zusammenhang mit Gaza bereits Ende Dezember 2023 im internationalen Diskurs – also nur wenige Wochen nach Beginn des Gaza-Kriegs, der durch den brutalen Hamas-Angriff vom 7. Oktober ausgelöst worden war. Neu war im September also nicht der Vorwurf, sondern allenfalls sein Absender.
Auch Südafrika hatte den Genozidbegriff auf die völkerrechtliche Bühne gehoben und beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag Klage gegen Israel eingereicht. Dass der IGH damals und bis heute noch nicht entschieden hat, ging im öffentlichen Diskurs freilich oft unter.
All diese Vorwürfe nahm der ESC-Sieger von 2024 hin – und liess das Glanzstück aus Schweden im Regal. Der Entschluss, die Trophäe jetzt als Protest gegen die Teilnahme Israels am ESC zurückzugeben, wirkt daher weniger wie ein Aufbegehren als vielmehr wie ein verspäteter Nachvollzug des Zeitgeists.
Zumal Nemo vom ersten Platz in Malmö nicht nur symbolisch, sondern ganz handfest profitiert haben muss: vor allem durch Karriere-,PR- und Einnahmeeffekte, die ein ESC-Sieg nun einmal mit sich bringt. «The Code» schoss unmittelbar nach dem Sieg in die Charts, begleitet von stark steigenden Einnahmen auf Spotify, Apple Music und YouTube. Wie viel Nemo dabei eingenommen hat, bleibt sein Geheimnis. In der Branche gelten jedoch mehrere Dutzend Millionen Streams im ersten Jahr europaweit als realistisch, was Einnahmen von bis zu 100 Millionen Franken bedeuten kann.
Jetzt, zwei Jahre später, ist der Name Nemo wieder überall auf Welt in den Schlagzeilen. Die als moralische Klarheit vorgetragene Empörung könnte daher auch ein Versuch sein, sich erneut in Erinnerung zu rufen. Was Nemo, das muss man ihm lassen, zweifellos gelungen ist.