Nach zwei Jahren Krieg ist die israelische Armee zwar militärisch kampferprobt und technologisch aufgerüstet. Gleichzeitig stösst sie aber an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Hunderttausende Reservisten wurden in den vergangenen zwei Jahren mehrfach eingezogen, Ruhephasen sind knapp, das Material verschleisst schneller, als es gewartet werden kann.
MOHAMMED SABER / KEYSTONE
Jetzt hat die Armee für die geplante Einnahme von Gaza-Stadt 60.000 Reservisten mobilisiert – möglicherweise steigt die Zahl bald auf 100 000. Doch die Meldequote liegt deutlich unter dem Niveau der ersten Kriegsmonate. «Wir spüren die Erschöpfung», sagte ein Offizier gegenüber Haaretz. Viele Soldaten sind physisch und psychisch am Limit.
Die Armee, die mehrheitlich aus Reservisten besteht, ist auf kurze Kriege eingestellt und vorbereitet, nicht aber auf einen endlos scheinenden Einsatz. Die monatelangen Trennungen, ständige Raketenalarme und die allgegenwärtige Unsicherheit prägen jetzt das Leben von Familien und Kindern.
Was einst als Resilienz galt, weicht zunehmend Erschöpfung und Angst. Die langen Abwesenheiten des einen und die Überlastung des anderen belasten Familien. Eheberater und Scheidungsanwälte bestätigen ein starkes Ansteigen der Nachfrage nach ihren Diensten. Psychologen berichten von zunehmenden Traumata, Depressionen und Selbstmorden.
Seit Beginn des Gaza-Krieges haben sich mindestens 54 aktive Soldaten, Reservisten und Berufssoldaten das Leben genommen. Die Statistik unterschätzt das Ausmaß, da nur Suizide während des Dienstes gezählt werden. Ob auch Reservisten, die sich nach ihrem Einsatz umbringen, offiziell als «Gefallene» gelten sollten, ist mittlerweile Gegenstand einer makabren Debatte. Für Hinterbliebene hat diese Definition erhebliche rechtliche und finanzielle Folgen.
Der Krieg spaltet die israelische Gesellschaft. Ein Teil fordert kompromisslose Härte, ein anderer drängt auf ein Geiselabkommen und politische Lösungen. Umfragen zeigen: Zwei Drittel der Israelis würden einen Waffenstillstand unterstützen, der die Freilassung der Geiseln und den Rückzug der Truppen aus Gaza ermöglicht. Wenn die Mehrheit für ein Ende des Kriegs plädiert, heisst das nicht, dass Israel plötzlich pazifistisch geworden ist. Es sind die gesellschaftlichen Kosten des Kriegs und die Sorge um die in Gaza verbliebenen Geiseln, die dazu führen.
Mehr als 300 Reservisten erklärten offen, dass sie sich einer «illegalen» Operation nicht anschliessen würden. Unterstützt von der Bewegung Standing Together warnen sie vor einem «Schritt in die Katastrophe». Andere leisten ihren Dienst trotz Skepsis – aus Loyalität zu Kameraden oder Solidarität mit den Grenzgemeinden. «Ich glaube nicht an den Sinn dieser Operation, aber ich werde meine Kameraden nicht im Stich lassen», sagte ein Soldat im Radio.
Auch innerhalb der Israelischen Streitkräfte (IDF) gibt es Bedenken. Stabschef Eyal Zamir warnte in einem internen Briefing, die Einnahme von Gaza-Stadt könne Israel in eine dauerhafte Besatzung führen. Er sprach sich für ein Geiselabkommen aus: «Der Rahmen liegt auf dem Tisch, die Entscheidung ist politisch.»
Kurz: Nach 700 Tagen zeigt sich, dass die Front nicht allein in Gaza verläuft, sondern ebenso im Inneren Israels – zwischen Erschöpfung, Zweifel und der Suche nach einer politischen Antwort. Nichts bringt das besser auf den Punkt als das Poster, das derzeit im Land zu sehen ist: «Wir haben keine Kinder für einen überflüssigen Krieg.»