Die Nachrichten und Bilder von der beispiellosen Naturkatastrophe in Blatten haben die Schweiz erschüttert. Ein ganzes Dorf liegt unter Geröll- und Gletschermassen begraben. Was vom Ort übrig blieb, versank Stunden später in den Fluten der aufgestauten Lonza.
Nach diesem Totalverlust hiess es sofort: Blatten wird wieder aufgebaut. Diese Reaktion ist verständlich. Doch die Frage wird in Zukunft nicht sein, ob es Sinn macht, dieses Dorf wieder aufzubauen, sondern ob derartige Täler wie das Lötschental wie bisher bewohnbar sein sollen. Und ob die dafür notwendigen Anpassungen in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen stehen. Der Berg- und Gletschersturz von Blatten hat nicht bloss den Ort komplett zerstört, vielmehr hat er auch die tiefer gelegenen Orte dieses einzigartigen Tals – Wiler, Kippel und Ferden – gefährdet.
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«Bergler» sind hart im Nehmen. Das hat man in Gondo gesehen, wo vor zwanzig Jahren die Hänge ins Rutschen kamen. Das Dorf wurde entzweigerissen, dreizehn Menschen verloren ihr Leben. Damals standen die Behörden vor dem schwierigen Entscheid: den Ort aufgeben oder ihn neu aufbauen. Sie entschieden sich für den Wiederaufbau. Das liegt auch daran, dass die Leute ihre engere Heimat nicht verlassen wollen, weil sie mit ihr tief verbunden sind.
In Derborence im Unterwallis, wo sich im 18. Jahrhundert gleich mehrere gewaltige Bergstürze ereigneten und das Wasser der Bäche zu einem kleinen See staute, war es einfacher, dieses Tal für die Besiedlung zu sperren. Dort gab es vor dem Bergsturz lediglich ein paar Alphütten. Heute steht die Region unter Naturschutz. In Blatten und im Lötschental wohnen hingegen Hunderte von Menschen seit Generationen, die ihr Zuhause niemals aufgeben werden, hier ruhen auch ihre Ahnen auf den Friedhöfen.
Das Thema Umsiedlung könnte auch für den Tourismusort Kandersteg schnell aktuell werden. Oberhalb des malerischen Oeschinensees sind Millionen Tonnen Fels und Geröll in Bewegung, und eine Evakuierung ist ein mögliches Szenario. Brienz ist bereits jetzt ein Geisterdorf. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Bewohner einst wieder zurückkehren können.
Wir brauchen heute eine Anpassungsstrategie, die nicht bloss die Überwachung der sich verändernden Permafrostgrenze festhält, die Resilienz der Wälder verbessert oder den Bau von Dämmen und Schutzeinrichtungen vorsieht.
Wir benötigen auch Pläne und Konzepte für die Umsiedlung ganzer Alpentäler und gefährdeter Dörfer. Da kommen noch schwierige, sehr schwierige Entscheidungen auf uns zu – besonders nach dem Felssturz von Blatten.