Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Die Weltwoche

Mongolensturm des Abendlandes: Bibi Netanjahu und Trump bomben die Mullahs weg und zertrümmern, wieder einmal, das Völkerrecht. Ziel ist die Machtübernahme im Nahen Osten sowie Geld und Öl für Washington

Anhören ( 6 min ) 1.0× +
Mongolensturm des Abendlandes: Bibi Netanjahu und Trump bomben die Mullahs weg und zertrümmern, wieder einmal, das Völkerrecht. Ziel ist die Machtübernahme im Nahen Osten sowie Geld und Öl für Washington
Mongolensturm des Abendlandes: Bibi Netanjahu und Trump bomben die Mullahs weg und zertrümmern, wieder einmal, das Völkerrecht. Ziel ist die Machtübernahme im Nahen Osten sowie Geld und Öl für Washington
0:00 -0:00
1.0×
100%
Mehr ▾

Man muss kein Freund der Mullahs sein – und ich bin es wahrlich nicht –, um angesichts der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten ein tiefes Unbehagen zu verspüren. Was wir dort erleben, ist nicht nur ein militärischer Schlagabtausch, es ist ein Dammbruch, garniert mit einer Rhetorik, die uns als «Verteidigung westlicher Werte» verkauft wird, während sie in Wahrheit das völkerrechtliche Tafelsilber zertrümmert, ein weiterer Donnerknall im neuen Zeitalter der Raubtiere.

Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
Irans Hauptstadt Teheran nach einem Angriff am Sonntag, 1. März 2026.
Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Da wird ein Staatsoberhaupt, Ali Chamenei, ein Mann, der trotz aller berechtigten Kritik die legitime institutionelle Verkörperung seines Landes war, liquidiert wie ein lästiger Bandenführer in einem Vorort von Mexiko-Stadt. Man behandelt den Iran nicht mehr als souveräne Nation, sondern als kriminelle Vereinigung. Das ist der «Mongolensturm des Abendlandes»: Eine Politik der blutigen Hand, die vor lauter moralischer Selbstgewissheit vergessen hat, dass Diplomatie nicht aus dem gezielten Abschuss von Verhandlungspartnern besteht.

Die Legende von der «bevorstehenden» Bombe

Das Hauptargument für diesen Exzess ist so alt wie modrig: die iranische Atombombe. Seit zwanzig Jahren hören wir, dass Teheran «nur noch Monate» von der Vernichtung Israels entfernt sei. Erinnern wir uns an die US-Raketenabwehr in Europa? Damals hiess es, sie richte sich gegen iranische Raketen, nicht gegen Russland – ein Märchen, über das man im Kreml noch heute bitter lacht. Es war eine glatte Lüge, genau wie die Massenvernichtungswaffen im Irak, die Colin Powell einst so theatralisch vor der Uno schwenkte.

Hören wir auf, solchen Ammenmärchen zu vertrauen. Bei den Schlägen gegen den Iran geht es nicht um die Verhinderung einer Atombombe, die es nicht gibt und vielleicht auch nie gegeben hätte. Das ist Zucker, Opium fürs Hirn, Propaganda fürs breite Publikum. Nein, die Amerikaner und die Israelis wollen den Nahen Osten übernehmen, Konkurrenz ausschalten, wobei am Ende das meiste Geld aus diesen rohstoffreichen Gegenden an die Amerikaner fliessen soll. Ein trumpscher «Deal».

Putin glaubwürdiger als Bibi und Trump

Wer auf unserem Planeten nur den amerikanischen Standpunkt gelten lassen will, mag darin die Brillanz eiskalter Strategen sehen. Alle anderen wundern sich, dass ausgerechnet jene Nation, die USA, die sich doch als die Verkörperung der höchsten Werte unserer Zivilisation betrachtet, nicht nur zu Unrecht, zusehends das Verhalten eines ruchlosen Imperialismus an den Tag legt, überkleistert mit verlogenen Slogans für die Öffentlichkeit.

Und keiner von denen, die jetzt jubeln und die Yankee-Fahne schwenken, soll sich dann aber bitte über Putin und die Russen beschweren, denen man im Quervergleich immerhin zugutehalten kann, dass sie sich gegen tatsächliche Bedrohungen wehren – das Vordringen der Nato ins ehemalige Aufmarschgebiet der Wehrmacht gegen Moskau. Auf Unbefangene, die sich die Westpropaganda noch nicht vollends zu eigen gemacht haben, wirkt Russlands Position inzwischen glaubwürdiger als so manches, was jetzt zu dieser Iran-Attacke von Bibi Netanjahu und Trump fabuliert wird.

Aber nehmen wir die Flunkerstrategen mal beim Wort und fragen ganz unverkrampft: Was eigentlich wäre so teuflisch, so höllisch schlimm an einer iranischen Bombe, dass man sie auf Vorrat mit Angriffsterror und Mord verhindern muss? Schauen wir in die Geschichte. Die Atombombe hat bisher jedes Regime, so radikal es auch startete, zur Mässigung gezwungen. Wer die Bombe hat, sitzt am Tisch der Erwachsenen. Er kann nicht mehr ignoriert werden, muss sich aber auch an die Spielregeln des nuklearen Gleichgewichts halten. Die Bombe wirkt disziplinierend. Sie zwingt zur Sachlichkeit. Vielleicht ist es genau das, was Washington und Tel Aviv fürchten: ein Iran, dem man auf Augenhöhe begegnen müsste, statt ihn als Paria zu schikanieren.

Staatschefs ausknipsen

Die gezielte Tötung eines Staatschefs ist kein Akt der Befreiung, sondern eine Einladung ins Chaos. Schon die Klassiker des politischen Denkens warnten vor dieser Hybris. Erasmus von Rotterdam mahnte in seiner Klage des Friedens:

«Ein Krieg zieht den anderen nach sich, aus einem entstehen zwei, aus einem kleinen ein gewaltiger.»

Indem man Chamenei wie einen Drogenboss eliminiert, zerstört man die einzige Instanz, mit der man – so hässlich es auch sein mochte – noch hätte verhandeln können.

Ist das die «amerikanische Lebensart»? Ist es ein «westlicher Wert», Staatschefs nach Gutdünken auszuknipsen? Wenn wir dieses Prinzip globalisieren, dann gnade uns Gott. Was soll ein Wladimir Putin oder ein Xi Jinping daraus lesen? Die Botschaft ist klar: Verträge mit dem Westen sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Wer sich nicht beugt, wird erschossen. Die einzige logische Konsequenz für jeden Autokraten weltweit ist nun, den Finger erst recht am Abzug zu halten. Benjamin Netanjahu und Donald Trump glauben vielleicht, sie hätten die Welt sicherer gemacht. In Wahrheit haben sie das Gesetz des Dschungels wiedereingeführt.

Schwer scherbelt das Argument der Kriegsrechtfertiger, bei den Mullahs und ihrem Apparat handle es sich doch um ein total diskreditiertes Regime, das seine eigenen Bürger zu Tausenden ermorde, wie eben kürzlich bei den Demonstrationen. Die NZZ kommentiert, die Regierung in Teheran terrorisiere das iranische Volk. Der Krieg sei deshalb – «daran besteht kein Zweifel – legitim».

Kein Zweifel? Scheue Gegenfrage: Wer bestimmt eigentlich, welche Regierungen und welche Kriege «legitim» sind? Wenn auswärtige Militärmächte entscheiden, welche Regierung, wo auch immer, am Ruder bleiben darf und welche nicht, herrscht endgültig das Recht des Stärkeren. Might makes right – die Macht setzt das Recht. Die Tatsache, dass im Iran mutmasslich schlimme Verbrechen seitens der Regierung passieren, kann kein Freibrief sein für Interventionen. Macht gleich Recht? Wenn dieser Grundsatz gilt, bereiten wir uns am besten jetzt schon auf unkontrollierbares Chaos vor

Sicherheit oder Zerstörungswut?

Natürlich, wir verstehen das Sicherheitsbedürfnis Israels. Ein Land, das von Feinden umzingelt ist, muss wachsam sein. Doch Wachsamkeit ist nicht dasselbe wie blinde Zerstörungswut. Die Perser mögen eitel sein, sie mögen sich für die Klügsten unter der Sonne halten und ihre «nukleare Karte» als diplomatischen Basartrick ausgespielt haben, bis sie ihnen selber um die Ohren flog. Aber sie sind eine alte Kulturnation, kein Verbrechersyndikat.

Wir im Westen sollten aufhören, uns in diese kriegslüsterne Propaganda einzuspinnen. Die langfristigen Folgen dieses Angriffs werden nicht auf den Nahen Osten beschränkt bleiben. Man ist dabei, eine globale Ordnung vollends wegzufräsen, auf welcher der eigene Wohlstand und eine immerhin relative Sicherheit beruhen.

Man kann die Mullahs verachten und trotzdem erkennen, dass dieser Schlag ein Fehler war. Echte Stärke zeigt sich nicht im Abdrücken, sondern in der Fähigkeit, einen Gegner im Spiel zu halten, ohne das ganze Kasino in die Luft zu jagen. Israel und seine Sponsoren und Allianzpartner in Washington haben den Kompass im Wüstensand verloren.

Lassen wir zum Schluss aber Moral und subjektive Werturteile gänzlich weg. Die Vorgänge im Nahen Osten machen deutlich, dass da draussen unter den Grossen längst ein neuer Weltkrieg um Einflusszonen und Ressourcen tobt. Die Nuklearmächte vermessen die globale Landkarte neu, und jeder versucht, für sich ein möglichst saftiges Stück herauszureissen. Die Chinesen machen es mit Geld, wobei auch ihre Streitkräfte wachsen, die Russen mit Artillerie und Bodenkrieg, die Amerikaner und Israelis auf dem Luftweg mit ihren auch technisch überlegenen Arsenalen. Für alle Kleinen heisst das: Mach dir keine Feinde, halte dich möglichst raus, sei froh, dass du keine Grossmacht bist und rüste auf, so gut du kannst, auf dass kein Raubtier jemals auf die Idee kommen möge, über deinen Garten herzufallen.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 31.03.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.