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Mit seiner Brandrede in Davos zwingt Javier Milei die globale Elite, Farbe zu bekennen in einem Kulturkampf, der längst verloren schien

Lima – Noch keinen Monat in seinem Amt, reiste der argentinische Präsident Javier Miliei vor einem Jahr nach Davos, um den Wirtschaftsführern der Welt die Leviten zu lesen. «Eure nobelste Aufgabe besteht darin», so seine Kernbotschaft, «Gewinne zu erzielen. Und darauf solltet ihr stolz sein. Staatliche Umverteilung und Bevormundung sind niemals die Lösung unserer Probleme, sondern deren Ursache.»

© KEYSTONE / MICHAEL BUHOLZER
Javier Milei, President of Argentina speaks during a panel session during the 55th annual meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Thursday, January 23, 2025
© KEYSTONE / MICHAEL BUHOLZER

Das stärkste Argument für diese These liefert deren Umsetzung. In nur einem Jahr ist Milei in einem fast unglaublichen Kraftakt gelungen, was ihm nur wenige zugetraut hatten: das Ruder herumzureissen, Argentinien von einem «failed state» in eine aufstrebende Wirtschaftsmacht zu verwandeln. Inflation und Staatshaushalt im Griff, Energie- und Agrarsektor im steilen Aufwärtstrend, eine aufgeblähte Verwaltung im akuten Schrumpfprozess. Und das Wichtigste: die Armutsquote sank im letzten Quartal merklich. Der IWF prognostiziert im laufenden Jahr 5 Prozent Wachstum für Argentinien. Einer der weltweit höchsten Werte.

Es wäre für Milei ein Leichtes gewesen, sich an diesen Erfolgen zu sonnen, die ihm warmen Applaus garantiert hätten. Er hat sie in seiner zweiten WEF-Rede kaum erwähnt. Stattdessen zündete er die nächste Stufe, blies mit dem heiligen Eifer eines Reformators zum Kulturkampf. «Woke», das scheinheilige Gute, hinter dem sich Willkür, Diskriminierung, Tyrannei und Zensur verstecken, als grösstes Übel unserer Zeit. Musk, Meloni, Orbán, Trump und Bukele als Sturmspitzen der Freiheit.

Wer Mileis Werdegang kennt, hat nichts anderes erwartet. Der Wirtschaftsprofessor fand seinen Weg in die Politik über den Kulturkampf um die «Woke-Bewegung» und den Corona-Widerstand. Ein gefälliger Sympathieträger war er noch nie. Seine hölzernen und mit Versprechern meist vom Blatt abgelesenen Reden sind alles andere als eloquent. Und doch wirkt der Mann in seiner brutal direkten, verkopften Art auf eine eigentümliche Weise ehrlich. Wie kein anderer hat es der Anarcho-Libertäre geschafft, komplexe Botschaften unter die Menschen zu bringen, die bislang als unvermittelbar galten.

Mileis missionarische Verbissenheit steht in einem eklatanten Kontrast zum Pragmatismus, den er bei der Umsetzung seiner Ziele an den Tag legt. Sein Kabinett, in dem seine eigene Partei kaum vertreten ist, besteht nach einem Jahr immer noch aus fast demselben Köpfen. Trotz dem Fehlen einer soliden Parteibasis hat es Milei immer wieder geschafft, seine ärgsten Gegner in Kompromisse einzubinden. Das gilt auch auf der internationalen Bühne. Ein leuchtendes Beispiel ist der G-20-Gipfel in Rio de Janeiro, auf dem Milei Gastgeber Lula da Silva öffentlich brüskierte; wenige Stunden später einigten sich die zwei Kontrahenten auf eine gemeinsame Strategie gegenüber der Diktatur in Venezuela und unterzeichneten einen Vertrag über argentinische Gaslieferungen nach Brasilien.

Die politischen Systeme von Argentinien und den USA sind fast identisch. Die starke Position des Präsidenten erlaubt radikale Kurswechsel, wobei ein fein austariertes Regelwerk von checks and balances diktatorische Allüren im Zaum hält. Und über allem weht der Geist der Neuen Welt, der Glaube an das Gute, das am Ende stets obsiegt, der amerikanische Traum vom freien Bürger, der sein Schicksal selbst in die Hände nimmt, und mögen ihn alle für verrückt halten.

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