Ignazio Cassis ist viel unterwegs – Genf, Kiew, Moskau. Das gehört zum Amt eines FDP-Aussenministers. Doch was sich am vergangenen Samstag abgespielt hat, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Hat die politische Klasse in Bundesbern noch ein Gefühl für Mass und Nähe zur Bevölkerung?
Für die FDP-Delegiertenversammlung in Genf reiste Cassis laut 20 Minuten mit dem Bundesratsjet von Bern an – und liess sich danach gleich weiter nach Lugano fliegen. Kostenpunkt: rund 11.000 Franken. Steuerfranken. Für einen Parteiauftritt im eigenen Land.
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Natürlich lässt sich argumentieren, Zeit sei kostbar, die Agenda voll, der Aussenminister wichtig. Doch genau hier liegt das Problem. Wer für eine innerschweizerische Reise den Jet nimmt, wo Zug oder Dienstfahrzeug durchaus möglich wären, sendet ein fatales Signal. Es ist das Signal einer politischen Klasse, die sich zunehmend von der Realität der Bevölkerung entfernt hat.
Während viele Bürger täglich mit steigenden Kosten, Sparappellen und Klimamoral konfrontiert werden, scheint für Bundesräte eine andere Logik zu gelten: bequem, schnell, exklusiv. Dass Cassis allein 2024 ganze 48 Mal von oder nach Lugano-Agno flog, verstärkt diesen Eindruck.
Es geht nicht um Neid oder kleinliche Rechnerei. Es geht um Glaubwürdigkeit. Um Vorbildfunktion. Und um die wachsende Kluft zwischen Regierung und Regierten. Wenn die Eidgenossenschaft für eine Reise eines Bundesrates an eine Parteiversammlung 11.000 Franken ausgibt, darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr Bürger den Eindruck haben: Die da oben leben in einer anderen Welt.