Musik Grüezi wieder an, ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Deli Spezial Meilensteine der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Zeller und neben mir bereits steht schon Prof. Christoph Mörgeli, der Weltwoche Haushistoriker. Wir sind auf einem Friedhof, so viel darf ich verraten, hinter uns eine reformierte Kirche, ein kleiner Obelisk. Lieber Christoph, Was ist heute der Meilenstein der Schweizer Geschichte? Was ist unser Thema? Grüezi miteinander. Dieser schwarze Obelisk vor der Kirchenwand in Kilchberg erinnert an den grossen Dichter Konrad Ferdinand Mayer. Der Obelisk wurde 1899 hierher gestellt, ein knappes Jahr nach dem Tod des Dichters. Und Konrad Ferdinand Mayer ist in der Tat der Grösste. Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, zusammen mit Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf. Das ist unbestritten. Alle drei waren sie Vertreter des poetischen, des schriftstellerischen Realismus und haben im ganzen deutschen Sprachgebiet enormen Einfluss und enorme Bedeutung bekommen. Was machte Konrad Ferdinand Mayer zu einem der grössten Schweizer Dichter? was war sein Lebenswerk. Warum ist er eben ein Meilenstein der Schweizer Geschichte? Heute wird vor allem geschätzt sein poetisches Werk. Seine Verse sind Weltklasse, kann man wohl sagen. Er ist vielleicht hinter Goethe und Eduard Mörike der drittbedeutendste poetische Schriftsteller des deutschen Sprachraums. Er hat an seinen Versen unglaublich ziseliert und gearbeitet, x Fassungen gemacht, bis er dann irgendwann zufrieden war. Und es sind natürlich enorm wichtige Werke entstanden, beispielsweise der römische Brunnen, schwarzschattende Kastanien, die Füsse im Feuer oder zwei Segel, das kommt mir so in den Sinn. Also das sind Verswerke, die heute noch allergrösste Bedeutung geniessen, die auch noch gelernt und gelehrt werden an den Schulen und ich glaube mit viel Gewinn. Wie ist Konrad Ferdinand Mayer aufgewachsen? Was weisst du über seine Kindheit bzw. was kannst du uns über seine Kindheit erzählen? Konrad Ferdinand Mayer ist 1825 geboren in eine altzürcherische Patrizierfamilie. Die Familie war wohlhabend, sie war sehr fromm, gottesfürchtig, politisch eher konservativ. Der Vater war Regierungsrat, immer mit Geschäften überhäuft. ist aber sehr früh gestorben. Und das war eine Tragödie für diese Familie. Die Mutter hat geschrieben Todesstoss, als dieses Ereignis eingetroffen ist. Und sie hatte dann Gemütsprobleme. Sie hat sich dann auch relativ früh leider suizidiert. Sie ist in die Fluten gestiegen. Auch das natürlich ein traumatisches Erlebnis für die Kinder. Konrad Ferdinand einerseits und seine Schwester Betsy. mit der ihm zeitlebend sein unglaublich symbiotisches Verhältnis verband. Sie haben zusammen gearbeitet, zusammen gewohnt, sie sind zusammen gereist und sie hatte sehr viel Einfluss auf sein vor allem frühes Werk. Wie alt war Konrad Ferdinand Mayer bei diesem zweiten Schicksalsschlag, der ihn zum Vollweisen gemacht hat? Und wie hat ihn dieser Schicksalsschlag auch geprägt? Er war ein sehr junger Mann noch. Und das hat ihn natürlich zurückgeworfen. Er war schon vorher einigermassen belastet. Er war noch keine 20, als er in eine Klinik eingeliefert wurde und aufgrund des Gemütszustandes behandelt werden musste. Also die Jugend war eigentlich ein bisschen ein Dämmern noch und es kommt dann eine lichte Zeit mit diesem unglaublichen Werk und schliesslich wieder ein Verdämmern. Das ist typisch für Konrad Ferdinand Mayer. Aber in dieser kurzen Zeit, diesen etwa 10, 15 Jahren des Wirkens, sind Werke wirklich von allergrösster Bedeutung entstanden. War das absehbar, dass dieser Konrad Ferdinand Mayer derartige Werke schuf? War er ein guter Schüler? War er ein Gelehrter, ein Akademiker? Was weisst du über seine schulische Laufbahn? Er war kein guter Schüler, er war auch ziemlich einsam, er hat schwer Anschluss gefunden an seine Gleichheit. Kameraden. Er war sicher ein Problemfall in dem Sinne und man hat nicht viel von ihm erwartet. Der arme Konrad hat die Mutter jeweils gesagt und tatsächlich ist er dann aber aufgeblüht. Und sein erstes ganz grosses Werk wurde 1871 das Versepos Huttens Letzte Tage. Das hat eingeschlagen, vor allem in dieser Zeit der Deutschen Reichseinigung. Wurde in Deutschland sehr bekannt. Später kommt das Vers Epus Engelberg, dann ein Jahr später auch das wieder. Ein Erfolg. Es kommen die Gedichte und dann die Novellen und Romane, die, das muss man aber doch sagen, vielleicht ein bisschen eher Staub angesetzt haben im Vergleich zu den Versen, zu den Gedichten, weil es eben da um die ganz grosse Geschichte geht, um Liebe, Verrat, Mord. und Totschlag. Dieser sehr vorsichtige Beobachtende Konrad Ferdinand Meyer hat sich hingezogen gefühlt zu Kraftgestalten, zu Renaissance-Figuren und heute wirkt das ein bisschen zuweilen theatralisch drapiert, ein bisschen vielleicht wie auf einer Bühne inszeniert. Wie kann man sich einen Durchbruch zu dieser Zeit vorstellen? War das verbunden mit Reichtum, Bekanntheit? Im Ausmass von einem heutigen Popstar wurde er gefeiert. Wie war das? Wie kannst du das mal erklären? Es ist einfach eine Bekanntheit aufgrund von Publikationen, von den viel gelesenen literarischen Zeitschriften und dann eben auch den Büchern. Man hat gelesen, vor allem das Bürgertum, auch die Frauen haben viel gelesen und in der Schweiz haben natürlich die historischen Stoffe interessiert. welche die Schweiz betrafen. Da ist der Roman Jörg Jenatsch natürlich sehr bekannt geworden, weil er eben hier spielt auch die grosse Geschichte von Verrat und von Krieg. Im Dreißigjährigen Krieg spielt das, ja, Konfessionswechsel und so weiter. Konrad Ferdinand Mayer war auch ein Stück weit ein Kulturkämpfer, also das kalvinistische, das reformierte Gedankengut war ihm sehr wichtig und er hat das auch immer wieder. in seinen Werken verarbeitet. Die Huguenotten lagen ihm am Herzen, weil er eben lange nicht wusste, in Lausanne, wo er sich aufgehalten hat, soll ich jetzt auf Deutsch schreiben oder soll ich Französisch schreiben? Was macht das mit einem Menschen, wenn man quasi von einer Depression, von diesen Schicksalsschlägen, Vatertod, Muttertod kommt und dann bekannt wird, Erfolg gefeiert, über die Landesgrenzen hinaus? Wie hat das... Konrad Ferdinand Mayer beeinflusst, verändert, geprägt? Er ist deswegen nicht auf grosse Lesereisen gegangen oder hat sich da gross feiern lassen. Er hat am liebsten zurückgezogen, gelebt in seinen Werken, in seinen Büchern, umgeben eben von wissenschaftlichen Darstellungen auch, in die er sich vertieft, hat vor allem in historische Stoffe, hat auch leichtere Stoffe behandelt, die Novelle. Schuss von der Kanzel zum Beispiel. Der Schuss von der Kanzel ist auch etwas, das hier im zürcherischen Milieu spielt, des 17. Jahrhunderts. Ein grosser Erfolg, vor allem auch natürlich hier in der Schweiz. Aber dann die ganz grossen Stoffe von Renaissance und Mittelalter usw., die sind natürlich dann auch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. am Schluss Angelo Borja, Angela Borja, Entschuldigung. und auch viele, viele andere, die Furore gemacht haben. Was hat ihn inspiriert? An wem hat er sich orientiert vielleicht? Was hat seine Schaffenskraft beeinflusst? Man kann sagen, er hat einen eigenen Stil entwickelt. Also er hatte nicht spezifische Lehrer, er hatte natürlich Zeitgenossen, er hatte auch Briefpartner, Freunde in Anführungszeichen, könnte man sagen. wobei schon seine nächste Bezugsperson die Schwester geblieben ist. Betsy ist sehr, sehr wichtig. Er hat dann auch mit ihr gewohnt, zuerst in Küsnacht, dann in Meilen, dann wieder in Küsnacht, bis er sich dann 1877 hier in Kilchberg ein Landgut gekauft hat, mit Umschwung, auch mit Reben, mit wunderbarer Aussicht. Und da eben auch die Tage genossen hat, wobei wir das geniessen. ein bisschen einschränken müssen. Er hat sich im fortgeschrittenen Alter noch verheiratet. mit Luise Ziegler. Sie war die Tochter eines Zürcher Stadtpräsidenten und Divisionskommandanten. Sie hat auch gerne kommandiert und sie hat, das muss man ihr leider vorwerfen, das Geschwisterverhältnis gründlich zerstört. Sie hat dafür gesorgt, dass Konrad Ferdinand Mayer abgeschottet blieb von seiner Schwester. Das könnte auch dazu beigetragen haben, dass er sich verändert hat. dass sich seine Psyche dann gegen Ende des Lebens wieder verdunkelt hat. Das war kein schöner Zug. Sie haben eine Tochter bekommen, Camilla. Die war ebenfalls sehr einsam aufgewachsen, hat auch wenig Kontakt. Und auch sie ist dann im späteren Alter durch Freitod vom Leben geschieden. War Politik in seinem Leben ein Thema? Wie war sein Verhältnis zum Staat? Er hat sich politisch nicht beschäftigt, eigentlich hat er sich schon gar nicht eingemischt. Er hat lieber beobachtet, er hat zugeschaut, was da passiert, hat das gern beschrieben. Von der Herkunft her war er natürlich eher konservativ, hat aber auch natürlich seinen Schriftsteller-Kollegen Gottfried Keller ein Stück weit bewundert, sein Engagement für den Staat. für den liberalen Staat, seine Begeisterung. Er hat ihn dann am Schluss auch den Schutzgeist des Vaterlandes genannt. Er eben lobte und tadelte und mahnte. Das kam Konrad Ferdinand Mayer nicht in den Sinn. Er hat sich immerhin gesellschaftlich betätigt in altsürgerischen Kreisen, beispielsweise den Schildner zum Schnecken, und hat da auch durchaus aktiv mitgewirkt. Aber in einer Partei war er nicht. und Und in einem politischen Amt schon gar nicht. Freizeit, was beschäftigt ihn neben seinem beruflichen Wirken? In der Freizeit ist er vor allem in jungen Jahren sehr gerne gereist, soweit es damals möglich war, noch mit Postkutschen und der Eisenbahn. Später ist er nicht mehr so gerne rausgegangen. Die Frau hat ihn dann immer wieder versucht zu überreden, doch das Haus zu verlassen. Er hat das ungern getan. Er hat sich seinem Werk... gewidmet und hat eben auch Kilchberg genossen, diese kleine Gemeinde. Da hat er auch einen sehr schönen Vers geschrieben über dieses Kirchlein. Das kommt mir noch in den Sinn. Ich glaube, es heisst Requiem. Noch ein Glöcklein hat geschwiegen auf der Höhe bis zuletzt. Jetzt beginnt es sich zu wiegen. Horch, mein Kilchberg, läutet jetzt. Was weisst du über die Schwester? Du hast gesagt, sie war auch Schriftstellerin oder Poetin. Was weiss man über Betsy Meyer? Nicht, dass sie da gross selber publiziert hätte, aber sie hat das Werk mit ihrem Bruder sehr, sehr intensiv diskutiert, sich auch eingebracht und sie war eine ganz, ganz wichtige Bezugsperson für ihn, bevor sie dann eben nicht mehr im Haus verkehrt hat, um eben diese... Ehe nicht zu strapazieren. Sie hat sich dann selber zurückgezogen und gemeinnützigen Werken gewidmet. Übrigens hat Gottfried Keller ein bisschen neidisch vielleicht auch diese Heirat kommentiert. Er hat geschrieben, Konrad Ferdinand Mayer hat eine Million geheiratet. Er hat sich auch sehr, sehr ungern als siamesischer Zwilling gesehen. Man hat eben immer Gottfried Keller und Konrad Ferdinand Mayer in einem Atemzug genannt, was vor allem Keller gestört hat. Was muss jeder Schweizer, jede Schweizerin über Konrad Ferdinands Werke, Meyers Werke wissen? Kannst du da einen groben Überblick geben über das Schaffen von ihm, für all jene, die das nicht gerade präsent haben? Man muss unbedingt seine Gedichte lesen, denn die sind wirklich ausserordentlich gelungen, auch im Takt, im Versmasse, im Aufbau. Also das ist ganz, ganz hohe Kunst. Es wurde ja viel gedichtet damals im 19. Jahrhundert. Fast jeder hat da irgendetwas zusammen gefrösmelt und zusammen getextet. Aber die hohe Schule, die haben ganz, ganz wenige erreicht. Und zu ihnen gehörte Konrad Ferdinand Mayer. Ich würde auch seine Romane und Novellen empfehlen. Es gibt da schöne, auch etwas kürzere Sachen. Gustav Adolfs. Page zum Beispiel ist etwas sehr Schönes oder die Hochzeit des Mönchs, das Amulett, das sind so Romane, die vielleicht doch noch über die Zeit hinaus wirken. Aber wie gesagt, ich meine, die Verse sind noch etwas bedeutender. Was weisst du über sein Lebensende? Was kann man vielleicht noch sagen? Wie ist er dann schlussendlich am Ende gestorben? Was weisst du darüber? Was kannst du erzählen? Seine Sicht der Welt und der Umgebung hat sich dann wieder zunehmend verdüstert. Er ist geistig wie abgetaucht im Alter wieder. Er ist mit 74 gestorben, aber war dann schon einige Jahre vorher nicht mehr eigentlich ansprechbar für Besucher. Vielleicht etwas übertrieben, aber einfach nicht mehr sich selber. Er ist behandelt worden in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden. Und seine Frau hat ihn da zweifellos zu früh wieder rausgenommen aus dieser ärztlichen Betreuung, denn es war nicht gut und nicht ausgeheilt, dass er hierher nach Kilchberg zurückkam. Es wurde zwar geschrieben, dass er noch etliche Wochen dann wieder Lichter gehabt habe, dass er sich wieder ins Werk vertieft habe. er hat auch noch etwas etwas schriftstellerisch wieder versucht, aber richtig gelungen ist es ihm nicht mehr. Also der Schluss ist düster. Er ist dann Ende November des Jahres 1898 verstorben in seinem Heim in Kilchberg und am 1. Dezember 1898 hier beerdigt worden in Kilchberg. Das war eine unglaublich grosse Trauergemeinde. Gemeinde, da kamen Vertreter von Allen Institutionen, da kamen die Studenten, da kam die Universität, die Professoren natürlich. Konrad Ferdinand Mayer war auch Ehrendoktor der Universität Zürich. Da kamen aber auch Politiker, Vertreter von eidgenössischen und kantonalen Behörden. Ein riesiger Trauerzug hier bei dieser sehr einfach gehaltenen Beerdigung, wo dann eben ein doch recht pompöses Grab... mal entstanden ist. Zuerst war das nur für ihn, sah dann noch etwas anders aus, mit Umhagung und so weiter. Später wurde das dann zum Familiengrab, denn auch Luise Meier-Ziegler, seine Frau ist hier beerdigt, und die Tochter Camilla, die 1936 Selbstmord gemacht hat. Welchen Aspekt, welche Facetten von seinem Leben, seinem Schaffen, seinen Werken haben wir noch nicht besprochen? Was gibt es sonst noch anzumerken? Es gäbe natürlich sehr viel zu sagen über die einzelnen Werke, über seine Geschichtsphilosophie oder seine Geschichtsbetrachtung. Die Art, wie er das eben angeschaut hat, für mich faszinierend, bleibt, wie dieser schüchterne, zurückhaltende Mensch sich hingezogen fühlte zu den ganz grossen Ereignissen der Zeit, der damaligen europäischen Geschichte der Fürstenhöfe, der Atten... Taten, der Vergiftungen und der sonstigen Verräterien und so weiter. Also dieser Zwiespalt bleibt faszinierend und man kann sich hier wirklich nur mit Gewinn da rein vertiefen. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank für deine Äußerungen zu Konrad Ferdinand Mayer. Ihnen danken wir für die Aufmerksamkeit, wünschen Ihnen einen wunderschönen Samstag und bis zum nächsten Mal bei Weltwochendelisch Spezial mit Meilenstein der Schweizer Geschichte. Vielen herzlichen Dank und alles Gute.
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