Lima
Die Meldung der kolumbianischen Kette Radio Caracol verbreitete sich wie ein Lauffeuer über ganz Südamerika: Alex Naím Saab, der schillernde Strohmann von Nicolás Maduro, sowie der venezolanische Geschäftsmann Raúl Gorrín wurden am Mittwochmorgen um 2.30 Uhr durch die Geheimpolizei Sebin verhaftet. Eine offizielle Bestätigung von Seiten des Regimes lag bis Mittwochabend (Ortszeit) noch nicht vor. Unter Berufung auf Quellen der Regierung Trump vermeldete die Nachrichtenagentur Reuters, das FBI sei an der Aktion direkt beteiligt gewesen, eine Auslieferung an die USA sei zu erwarten. Gegen Alex Saab und Raúl Gorrín liegen US-Haftbefehle vor. Sie gelten als Schlüsselfiguren im Korruptionsnetzwerk des Maduro-Clans und sollen Hunderte Millionen Dollar veruntreut und gewaschen haben. Gegen sie laufen auch Verfahren in Kolumbien, Ecuador und in Liechtenstein, wo 700 Millionen Dollar eingefroren wurden.
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Alex Saab, ein Kolumbianer libanesischer Abstammung, wurde bereits 2020 bei einem Tankstopp auf einem Flug nach Teheran auf den Kapverden verhaftet. Das venezolanische Regime versuchte seine Auslieferung an die USA mit allen Mitteln zu verhindern: Es erklärte Maduros testaferro postum zum Regierungsvertreter mit Diplomatenstatus, organisierte Kampagnen auf sozialen Medien und Strassenproteste, engagierte den ehemaligen spanischen Starermittler Baltasar Garzón als Verteidiger, sogar der Uno-Menschenrechtsrat intervenierte. Im September 2021 wurde Saab trotzdem an die USA ausgeliefert, wo die Staatsanwaltschaft in Florida eine Haftstrafe von zwanzig Jahren forderte.
Im Dezember 2023 begnadigte die Regierung Biden Alex Saab jedoch im Tausch gegen zehn US-Geiseln und das Versprechen, dass in Venezuela Wahlen durchgeführt werden. Doch Maduro erkannte das für ihn vernichtende Wahlresultat 2024 bekanntlich nicht an, derweil er Alex Saab zu seinem Industrieminister ernannte. Bereits vor einer Woche entliess Delcy Rodríguez, Venezuelas Interimspräsidentin in Trumps Gnaden, Saab aus ihrem Kabinett. Saabs Verhaftung trifft mit dem Antrittsbesuch der US-Botschafterin Laura Farmsworth zusammen, die am Dienstag, auf den Tag genau einen Monat nach Maduros Sturz, von Delcy Rodríguez offiziell im Regierungspalast Miraflores empfangen wurde.
Saab und Gorrín sind Schlüsselfiguren beim Maduro-Prozess in New York. Saab wird unter anderem vorgeworfen, mit dem Maduro-Clan dreistellige Millionenbeträge aus Wohnbau- und Ernährungsprogrammen veruntreut zu haben. Als Venezuela zeitweitweise seine Importe mit Gold aus den Währungsreserven bezahlte, soll Saab fette Kommissionen abgezweigt haben. Für die USA sind vor allem seine Geschäfte zur Umgehung von Sanktionen, die er zum Teil über seine Genfer Firma Trenaco abgewickelt haben soll, und im Kokain-Schmuggel von Interesse. Bei den Delikten, für die ihn Joe Biden begnadigt hat, ist eine neue Anklage ausgeschlossen. Hier könnte ihm aber die Auslieferung von der Republik Cabo Verde zum Verhängnis werden, die das Verfahren in Florida auf einen kleinen Teil der ursprünglichen Tatbestände beschränkte. Die Delikte, die damals ausgeschlossen worden sind, können nun erneut vorgebracht werden.
Die grosse Frage ist, ob es überhaupt zu einer erneuten Auslieferung in die USA kommt. Offiziell halten Delcy Rodríguez und ihr Bruder Jorge, der das Parlament kontrolliert, Maduro nach wie vor die Stange. Doch zwischen ihrer revolutionären Rhetorik und ihrem Handeln liegt ein atemberaubender Graben. Per Federstrich haben sie die Verstaatlichung der Erdölindustrie und des Bergbaus rückgängig gemacht, den US-Investoren die Tore sperangelweit geöffnet und die Befreiung aller politischen Gefangenen angeordnet. Bislang wurden indes nur rund die Hälfte der Häftlinge freigelassen. Nach wie vor sitzen rund 300 aufmüpfige Polizisten und Armeeangehörige hinter Gittern. Ihre Freilassung gilt als Lackmustest für eine Öffnung des Regimes, die nur noch schwer rückgängig zu machen wäre.
Einiges weist auf einen internen Machtkampf hin zwischen Innenminister Diosdado Cabello, der als der «starke Mann» und Hardliner des Regimes gilt, und den Rodríguez-Geschwistern. Nach Saabs Verhaftung präsentierte sich Cabello vor den Medien wieder in der Kampfuniform, mit der er sich schon lange nicht mehr gezeigt hatte, und appellierte an die Einigkeit. Auf Cabello lastet nach wie vor ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar der US-Justiz. Saab und Gorrín könnten dereinst auch in einem Prozess gegen Diosdado Cabello, der als einer der Köpfe des «Sonnenkartells» gilt, als Kronzeuge auftreten. Doch im Moment kontrolliert der ehemalige Hauptmann der Armee immer noch die colectivos, die berüchtigten Killer- und Schlägerbanden, die Venezuela jederzeit in ein Chaos stürzen könnten, welches Rodríguez wie Trump um jeden Preis verhindern wollen.