Lima
Die namhaften Medien in Südamerika unterscheiden strikt zwischen Nachrichten und den Kommentaren, welche man namentlich bekannten Kolumnisten überlässt. Die etablierten Zeitungen wie Folho de São Paulo (Brasilien), La Nación (Argentinien), El Mercurio (Chile), El Comercio (Peru) oder El Tiempo und La Semana (Kolumbien) berichteten sehr detailliert über den Coup gegen Nicolás Maduro, alle waren sichtlich um Zurückhaltung und Nüchternheit bemüht.
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Unterschwellig liessen jedoch alle durchblicken: Nur wenige scheinen in Südamerika Nicolás Maduro, der als «Diktator» oder «narcodictador» bezeichnet wird, eine Träne nachzuweinen, doch man hat grosse Bedenken, wie es nun weitergehen soll. Ausführlich wurde über Freudenfeste berichtet, welche Exil-Venezolaner (über den ganzen Kontinent verteilt sind es acht Millionen) veranstalteten. Gemäss Latinibarómetro, einem von der EU finanzierten Institut, das aufwendige Umfragen in der ganzen Region durchführt, ist Nicolás Maduro der mit Abstand meistgehasste Mann Lateinamerikas.
Völkerrechtliche Einwände waren bei allen ein Thema, oft aber eher im Sinne eines Pflichtstoffes. Auch Venezuelas Erdöl ist erstaunlicherweise kein grosser Aufreger. Alles konzentriert sich auf die Frage: Was nun? Dass mit der Festnahme Maduros die Diktatur in Caracas noch lange nicht am Ende ist, scheint unbestritten. Viele bezweifeln einen echten Willen der USA, eine baldige Rückkehr zur Demokratie durchzusetzen. Ein Dauerthema ist sodann die neue Weltordnung und das Kräftemessen zwischen China beziehungsweise den Brics und den USA.
Andrés Oppenheimer, ein über die Parteigrenzen geachteter argentinischer Kolumnist, schreibt von einer «tadellosen Militäroperation und einem nicht entzifferbaren politischen Plan». Er warnt vor einer «Maduro-Diktatur ohne Maduro» und kritisiert Trump, weil er Nobelpreisträgerin Machado «unter den Bus gestossen» habe. Die venezolanische Opposition müsse einbezogen werden, sonst verlören die USA jegliche demokratische Legitimation. Ähnlich argumentiert der angesehene chilenische Politanalyst Tomás Mosciatti, der Venezuela als «kompletten Terrorstaat» qualifiziert und eine Destabilisierung in ganz Südamerika befürchtet. In Kolumbien, wo Präsident Gustavo Petro die US-Aktion scharf verurteilte und wo Wahlen anstehen, sind die Meinungen kontrovers. In Peru, wo demnächst auch gewählt wird, feiern die Kommentatoren Maduros Verhaftung mehrheitlich, im Einklang mit der Regierung.
Das volle Kontrastprogramm liefert derweil der venezolanisch-kubanische staatliche Monopolsender Telesur, der sich nicht einmal um einen Schein von Ausgewogenheit bemüht und rund um die Uhr über Proteste in der ganzen Welt gegen den «feigen», «völkerrechtswidrigen», «verbrecherischen», «zionistischen», «mörderischen» und «niederträchtigen» Piratenakt des US-Imperialismus berichtet und fast pausenlos patriotische Durchhalteparolen aussendet. Glaubt man Telesur, stehen Donald Trump und vor allem sein Staatssekretär Marco Rubio völlig isoliert da in der Welt und finden nicht einmal im eigenen Land Zustimmung. Wie aus Caracas vermeldet wird, konfisziert das Regime systematisch private Starlink-Empfänger, um das Internet besser zu kontrollieren.