Frankreich hat einen neuen Regierungschef, aber keine neue Regierung. Vorerst bleiben die Minister des vom Parlament abgewählten François Bayrou im Amt – und das könnte noch ziemlich lange dauern.
80.000 Polizisten sind heute im ganzen Land im Einsatz, um das drohende Chaos zu verhindern. Angesagt sind Streiks, Sabotageakte, Strassensperren. Auch mit dem Boykott der Kreditkarten wird gegen Macron protestiert. Die Lust der Franzosen am Königsmord beflügelt ihre Fantasien und Gewaltbereitschaft. Der seit Jahren aufgestaute Volkszorn droht zu explodieren. Hunderttausende machen mit.
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Emmanuel Macron, der die Ängste des Volks manipuliert, hat Angst vor ihm. Mit der Ernennung eines Premierministers konnte es ihm nicht schnell genug gehen: Er braucht einen Blitzableiter, einen Schutzschild. So funktioniert die monarchistische Wahldemokratie der Fünften Republik.
Um 12 Uhr will er ein Zeichen setzen: High Noon in Matignon. Am Sitz des Premierministers erfolgt die Stabsübergabe von Bayrou an Sébastien Lecornu, der sein Verteidigungsminister war. Die Inszenierung wird zumindest vorübergehend und kurzfristig vom drohenden Bürgerkrieg ablenken.
Eine Provokation, schreit die Opposition.
85 Prozent der Franzosen haben genug von Emmanuel Macron, er hat die letzten drei Wahlen hochkant verloren, die Abgeordneten stürzten seine Premierminister. Und was macht der Präsident: Er ernennt seinen engsten Vertrauten Sébastien Lecornu zum Regierungschef. Einen Mann aus dem Bunker. Einen in der Öffentlichkeit wenig bekannten Mitarbeiter der ersten Stunde, der seit 8 Jahren in jeder Regierung sitzt. Mehrmals war er Favorit für das Amt des Premierministers, immer wieder wurde er von Macron düpiert. Jetzt wird er für seine Nibelungentreue belohnt.
Der unbeliebte Präsident, der keine starken Figuren um sich duldet, hat sich gewissermassen auch noch zu seinem Premierminister ernannt. Die Linke hat sich mit ihrer revolutionären Rhetorik im Parlament selbst aus dem Spiel genommen. Der Anspruch der Sozialisten auf die Regierungsbildung wurde so unverschämt vorgebracht, dass er unmöglich erfüllt werden konnte. Die Volksfront zerbricht – und das ist der positivste Aspekt der Personalie.
Sébastien Lecornu ist sogar ein kleiner Hoffnungsträger. Lecornu kommt von halbrechts, er ist ein sozialer Gaullist. Und ganz anders gestrickt als Macron: Er ist bescheiden, diskret, eher medienscheu. Kein Narzisst. Kein Mann der grossen Worte. Aber gesprächsbereit. Man weiss, dass er sich auch schon mal heimlich mit Marine Le Pen zum Essen traf. Die Liberalen und die Republikaner haben ihm ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert.
Im Gegensatz zu Macron, der nie Militärdienst leistete, hat Sébastien Lecornu als Freiwilliger in der Gendarmerie, die zur Armee gehört, gedient. Anders als Macron gilt er als Patriot. Er ist der Politiker, der in der Lage ist, die Brandmauer zu überbrücken – eine Aufgabe von historischer Tragweite.
Er ist Macrons letzte Chance. Der Monarch, der nicht abdanken will, spielt auf Zeit. Der Marschbefehl an seinen Geschäftsführer ist eine mission impossible: Eine neue Regierung wird erst gebildet, wenn Lecornu sich mit einer Mehrheit auf ein Budget geeinigt hat.
Diese Mehrheit kann er nur zwischen der Mitte und Rechtsaussen finden: mit einer Koalition von Macron bis Marine Le Pen. Das Eigentor der Sozialisten ist eine Steilvorlage. Lecornu muss jetzt die «rote Linien» überschreiten und die Brandmauer überwinden.
Sie wird dereinst so schnell fallen wie einst die Berliner Mauer. Aber ein Budget braucht Paris noch vor dem 31. Dezember.