Das Treffen im Weissen Haus war seit letzter Woche angekündigt, doch Hausherr Donald Trump hatte keine Zeit, Friedensnobelpreis-Trägerin María Corina Machado persönlich in Empfang zu nehmen. Überhaupt kein Mitglied der Regierung war zur Stelle, als die Oppositionsführerin von Venezuela am Donnerstag durch einen Nebeneingang des Westflügels eingelassen wurde.
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Als ob das nicht schon deutlich genug wäre, doppelte Trumps Sprecherin Karoline Leavitt in einer parallel stattfindenden Pressekonferenz gleich nach: «Der Präsident braucht sich von Frau Machado nichts erklären zu lassen.» Trump hatte zuvor schon mehrmals verkündet, dass er weder Machado noch den im letzten Juli gewählten venezolanischen Exilpräsidenten Edmundo González für fähig halte, das Land zu regieren. Trumps zweistündiges Mittagessen mit Machado und ihr anschliessender Besuch im Kapitol war nicht mehr als eine Pflichtübung für die Galerie.
Wie María Corina Machado nach dem Treffen erklärte, überreichte («presented») sie Donald Trump ihre Goldmedaille des Nobelkomitees. Sie machte dabei eine Analogie, welche die historische Verbindung zwischen Nord- und Südamerika illustrieren sollte: Vor zweihundert Jahren überreichte General Lafayette, einer der Freiheitshelden der USA, dem venezolanischen Gründer-General Simón Bolívar eine Goldmedaille von George Washington. In diesem Geist sei ihr Präsent an Trump gedacht.
Bis zur Stunde ist nicht klar, ob Machado Donald Trump die Medaille physisch geschenkt hat, und falls ja, ob er das Geschenk angenommen hat. Das Osloer Komitee hatte bereits deutlich gemacht: Der Nobelpreis sei unwiderruflich und nicht transferierbar. Vielleicht hat Donald Trump in der Zwischenzeit auch bemerkt, dass der Preis für das Jahr 2024 ausgesprochen wurde, ein Zeitraum also, in dem noch sein Intimfeind Joe Biden im Weissen Haus das Sagen hatte.
Machado und González wissen nur zu gut, dass sie nicht in der Lage wären, Venezuela zu regieren. Ihr Support für Trump dürfte ehrlich gemeint sein. Die Demokratie und die Institutionen sind nach 25 Jahren «socialismo del siglo XXI» nachhaltig zerstört, die Opposition im Gefängnis oder im Exil. Machados Geste kann als Mahnung gedeutet werden, die Demokratie nicht zu vergessen.
Zurzeit ist Donald Trump hingerissen von Delcy Rodríguez («eine grossartige Person»), die noch von Nicolás Maduro designierte Interims-Diktatorin. Am Mittwoch hatte Trump gemäss eigenen Angaben eine lange und «grossartige Konversation» über einen Öldeal mit Delcy Rodríguez. Von den tausend politischen Gefangenen, die das Regime in Caracas angeblich demnächst befreien will, war höchstens am Rande die Rede. Dafür orakelte Rodríguez nach dem Telefonat mit Trump von einem baldigen Empfang im Weissen Haus, das sie erhobenen Hauptes betreten wolle, durch den Haupteingang.
Tatsächlich anerkennt die venezolanische Regierung gar keine politischen Gefangenen. Zwar wurde seit dem militärischen Coup vom 3. Januar eine Hundertschaft Häftlinge freigelassen, unter ihnen fünf US-Bürger. Doch handelt es sich dabei nach den Angaben des Regimes um eine humanitäre Geste. Die venezolanische Opposition kritisiert, dass sich unter den Befreiten keine hochkarätigen Regimegegner befinden. Zum Teil seien es kommune Delinquenten.
Der Maduro-Coup wird in der lateinamerikanischen Nachbarschaft mehrheitlich begrüsst. Doch ebenso viele bezweifeln, dass sich Trump für Freiheit und Demokratie interessiert. Und keiner glaubt, dass es Delcy Rodríguez, die sich ihren Ruf als kommunistische Hardlinerin redlich verdient hat, mit dem Trump-Schmusekurs wirklich ernst meint.
Trumps erklärtes Ziel ist es, dass die Diktatur in Caracas die Rückkehr zur freiheitlich-demokratischen Ordnung selbst organsiert, unter seiner Anleitung. Doch bislang hat das venezolanische Regime keine Anstalten gemacht, seinen Repressionsapparat und namentlich die berüchtigten paramilitärischen Terrorbanden, die «Colectivos» oder «Motorizados», zu deaktivieren. Einiges weist darauf hin, dass das Regime weiterhin das tut, was es schon seit Jahren tut: verzögern, Zeit gewinnen, lavieren.
Zurzeit steht die Diktatur – in Wirklichkeit ein Triumvirat mit Delcy Rodríguez, ihrem Bruder Jorge und Diosdado Cabello an der Spitze – mit dem Rücken zur Wand. Die drei säuseln von Versöhnung und Frieden. Doch auf ihr Wort ist kein Verlass, sie haben noch jede Vereinbarung gebrochen. Die grosse Frage lautet, wie lange Trump seine Drohkulisse aufrechterhalten kann und will – und ob das reichen wird, die Narco-Diktatur definitiv in die Knie zu zwingen. Freiwillig wird sie niemals aufgeben.