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Linker Urschrei gegen Alice Schwarzer: Kleine Lobeshymne auf eine Frau, die schon Feministin war, als es noch Mut brauchte

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Linker Urschrei gegen Alice Schwarzer: Kleine Lobeshymne auf eine Frau, die schon Feministin war, als es noch Mut brauchte
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Es ist eine dieser Nachrichten, die einen fassungslos zurücklassen, wenn man den Zustand der Bundesrepublik betrachtet. Am Weltfrauentag sollte Alice Schwarzer, die wohl bekannteste Feministin deutscher Zunge, im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aus ihren Werken lesen. Doch statt eines intellektuellen Austauschs erlebte die Hansestadt ein Schauspiel der Intoleranz: Hunderte von «Theatermachern» – um im korrekten Jargon zu bleiben – hatten in einem offenen Brief gefordert, die Veranstaltung abzusagen. Die Begründung? Das Übliche: Schwarzer sei nicht mehr «zumutbar».
Was wir hier erleben, ist das Spiegelbild eines Radikalmoralismus, einer linken Cancel-Culture, die vor nichts und niemandem haltmacht – nicht einmal vor ihren eigenen Ikonen.

Henning Kaiser/DPA/Keystone
Feministin Alice Schwarzer.
Henning Kaiser/DPA/Keystone

Zivilcourage gegen den Lifestyle-Feminismus

Man muss es sich vor Augen halten: Alice Schwarzer hat sich für die Rechte der Frauen eingesetzt, als das noch kein Lifestyle war, wie es inzwischen der Fall ist. Heute ist der Feminismus zur staatstragenden Pflichtübung, zur modischen Attitüde geworden, für die es keinen Mut mehr braucht, sondern nur noch das richtige Vokabular. Schwarzer hingegen hat gegen einen echten, betonharten Macho-Mainstream angekämpft. Sie hat Zivilcourage bewiesen und ist zu einer Art Pfeiler der bundesrepublikanischen Nachkriegsidentität geworden.

Ich bin ja nicht als Berufsfeminist bekannt – wenn man unter Feminismus antifreiheitliches Quoten- und Opferrollendenken versteht –, vor 22 Jahren aber hielt ich in Hamburg auf Einladung der Geehrten eine Laudatio auf Alice Schwarzer, übrigens ohne dass die Theaterszene Amok gelaufen wäre. Damals sagte ich ihr augenzwinkernd: Ich teile die meisten Ihrer Thesen nicht. Aber ich bewundere Ihre Lebensleistung. Vor allem bewundere ich Ihren Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Daran hat sich nichts geändert.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Es ist eine alte Weisheit: Die Revolution frisst ihre Kinder. Und vielleicht ist Frau Schwarzer heute eine Revolutionärin, die von ihren eigenen Enkeln verfrühstückt wird. Diese radikalen Kreise, die anscheinend die deutsche Theaterlandschaft beherrschen, ertragen es nicht, wenn jemand aus der Reihe tanzt, sondern erwarten – das muss man daraus schliessen – Unterwerfung unter ihre Dogmen. Schwarzer wiederum verweigert sich diesen ideologischen Moden, deshalb soll sie der Bannstrahl treffen.

Es ist eine traurige Sache. Aber offensichtlich muss der Wahnsinn des Moralismus, der nicht nur Deutschland, aber besonders Deutschland verwirrt, so krass zutage treten, bis eine breitere Öffentlichkeit allmählich merkt, dass hinter dieser Tyrannei des Denkens nichts steht ausser der Anmassung jener, die sie betreiben und andere damit einschüchtern wollen. Mit Demokratie hat das nichts zu tun, aber alarmierend ist, dass in Deutschland mittlerweile ein geistiges Klima herrscht, in dem sich die neuen Jakobiner und Tugendterroristen akzeptiert und beflügelt glauben.

Konsens ist völlig überschätzt

Der Fehler liegt dabei nicht vor allem bei den Linken. Die sind schon halb entschuldigt, weil dieses rabiate Gutmenschentum sozusagen in der Fluchtlinie ihres Denkens liegt. Man muss sich fragen, wo eigentlich die Liberalen und die Bürgerlichen geblieben sind, wenn sich die linke Moralismus-Mafia derart unbehelligt den Luftraum der Debatten schnappen kann.

Konsens wird überschätzt. Demokratie ist Streit, Widerspruch, Auseinandersetzung. Anstrengend, aber notwendig. Alice Schwarzer gebührt Respekt – nicht weil man mit ihr einer Meinung sein muss, sondern weil sie eine Frau ist, die noch weiss, was es heisst, für eine Überzeugung einzustehen, auch wenn der Wind von vorne bläst. Es ist Zeit, diesen «linken Urschrei» als das zu entlarven, was er ist: die Angst vor der Freiheit und vor dem, was unseren «offenen Gesellschaften» zusehends abhandenkommt: Rede und Gegenrede.

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