Lieber Franz-Josef Wagner, diesmal schreibe ich dir, dem grossen Briefeschreiber in der Bild, direkt.
Ich habe von deinem Tod erfahren. Mit Bestürzung, obwohl ich schon seit längerem ahnte, dass es dir nicht gut geht. Schon im letzten Jahr, als wir in der Pizzeria um die Ecke sassen, warst du sehr gezeichnet. Ob du Krebs habest, fragte ich dich erschrocken, als ich dich so ausgezehrt sah, in der uns beiden sehr offenen Art des Umgangs. «Nein», antwortetest du, «und wenn ich einen habe, will ich es nicht wissen.»
RAINER JENSEN / KEYSTONE
Das war deine Haltung, und sie war typisch für dich. Was hätte dir dieses Wissen genützt?
Wir lernten uns in den 1980er Jahren kennen und mögen, wir haben Tennis gespielt, du warst ein leidenschaftlicher Kämpfer auf dem Court, du hast keinen Ball verloren gegeben und bei strittigen Bällen gebrüllt. Ich habe dich geliebt, weil ich dir ähnlich war.
Du hast uns in Rio besucht, wir haben gemeinsam Geburtstage gefeiert, ich durfte deine Tochter und dein Enkelkind kennenlernen, denen ich an dieser Stelle aus tiefstem Herzen kondoliere.
Deine «Uniform»: Jeans, weisses Hemd, blauer Blazer, mehr Cote d‘Azur als Berlin, von den sechziger Jahren bis zuletzt. Du warst, wie dein Freund Udo Jürgens, das Gegenprogramm zu den vergammelten 68ern. Du fuhrst Porsche. Und rauchtest Gitanes auf Kette und mochtest weissen Wein.
Du hast gebrannt in einer Zeit, als der Journalismus noch nicht im Wokismus eingehegt war. Und ja, du konntest brutal sein und schmerzend direkt, du hast die allerhärtesten Schlagzeilen verfasst, und sie kamen aus dem Bauch heraus. Unser Freund Frank Schirrmacher nannte dich einen «Volksschriftsteller».
Du warst ein echtes Urgestein des deutschen Journalismus, ein Flüchtlingskind, mit siebzehn bist du als Jugendlicher aufs Geratewohl und abenteuernd nach Paris gegangen – du wolltest Schriftsteller werden, und mit dem grossartigen «Das Ding», verfilmt von Uli Edel, gelang dir später tatsächlich ein Bestseller.
Aber du bist im Journalismus gelandet, wie viele Grosse vor dir, etwa dein Vorbild Ernest Hemingway, der Meister der knappen Sätze und Auslassungen mit grossem Effekt. Und hier im Journalismus hattest du deinen mächtigen Auftritt, in der Bild, als Chef der Bunten und der B.Z., schliesslich seit einem Vierteljahrhundert als Kolumnist und Erfinder der Rubrik «Post von Wagner».
Damit wurdest du der stets unberechenbare, poetisch Funken schlagende Chronist der Republik. Dein erster Brief ging an Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001, dein letzter an den «heiligen Teenager» Carlo Acutis, in dem der Satz steht: «Ich bin Katholik, für mich verbringt nur Gott Wunder.» Das war möglicherweise dein prinzipieller Aufstand gegen eine Kultur, die meint, ohne Gott auskommen und die Schöpfung nach menschlichen Massstäben «verbessern» zu können.
Wir waren, wann immer sich die Gelegenheit bot, gemeinsam in der Sonntagsmesse in deiner Stammkirche am Ludwig-Kirch-Platz. In all deinen lebensintensiven, bisweilen cholerischen Ausbrüchen warst du fromm in einem durchaus kindlichen Gottvertrauen, und ja, von grosser Herzensgüte.
Tja, und von ebenjenem eingangs erwähnten Fatalismus, mit dem man sich dem Höchsten unterwirft. Ich hoffe, dass Gott dich in seine Herrlichkeit aufnimmt, und bete für dich, mein Freund.
In Dankbarkeit
Dein
Matthias Matussek