Die Einhaltung des Keuschheitsgebots führt in der katholischen Kirche zu unappetitlichen Nebenwirkungen. Im Geschäftsleben heissen solche Regeln Corporate Business Principles oder Code of Conduct. Die Einhaltung dieses Verhaltenskodex, die Compliance, ist ein scharfes Schwert, mit dem Personalprobleme gelöst werden können.
Als Hilfsmittel dient bei Nestlé ein sogenannter «Speak up»-Kanal. Hier können angebliche oder echte Verstösse auch anonym gemeldet werden. Diesen Denunziationen wird dann nachgegangen. Oder auch nicht. Im ersten Anlauf überstand der «Corporate Casanova» (Inside Paradeplatz) Freixe die interne Untersuchung. Medialer Druck sorgte dann für eine zweite Inquisition – Volltreffer, sofortige Entlassung. Nun ist es unvermeidlich und menschlich verständlich, dass der vielbeschäftigte Manager in seinem Arbeitsumfeld nach Zuneigung und Liebe sucht.
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Das ist, im Gegensatz zur Kirche, nicht grundsätzlich verboten. Es wird aber Offenlegung verlangt. Insbesondere bei Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Das problematisiert die traditionelle Methode des Hochschlafens, die meistens von Frauen, aber auch von Männern praktiziert wird. Ist es Liebe oder ist es Sex gegen Geld, Vergünstigungen, Karriere? Ist es die Ausnützung eines Machtverhältnisses oder Einverständnis?
Wer will das von aussen beurteilen können? Auf jeden Fall gilt hier, wie auch sonst im Leben: Du darfst Regeln brechen. Dich aber dabei nicht erwischen lassen.
Ein anderer Ansatz wäre: Wieso nicht die Regeln in Frage stellen? Denn offensichtlich hat sich die Herzallerliebste von Freixe nirgends beschwert. Sondern ist mit einer fetten Abfindung abgeschwirrt. Wenn zwei Erwachsene Geschäftliches und Gefühle verbinden – so what? Da ist schliesslich beiderseitig Erpressungspotenzial vorhanden. Von oben nach unten und von unten nach oben.
Unschön ist nur, dass VR-Präsident Paul Bulcke diesen Vorwand benützte, um seinen zweiten Fehlgriff innerhalb eines Jahres vom Posten des CEO zu entsorgen.