KI ist in der politischen Arena keine «Superintelligenz», sondern ein Beschleuniger – und damit ein Stresstest für Demokratien, die ohnehin unter Verblödungs- und Verrohungstendenzen leiden: Politik als Dauerwahlkampf, Empörung als Geschäftsmodell, Aufmerksamkeit als härteste Währung. Wer Debatten in 15-Sekunden-Häppchen presst, bekommt mit KI die industrielle Version: mehr Content, weniger Kontext, mehr Gefühl, weniger Prüfung.
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Dabei reden wir uns gern in Populismus versus Antipopulismus fest – als wäre das die ganze Story. Die zweite, leisere Front ist die um sich greifende Tyrannei der Messung, besonders im Akademischen: Zitationszählerei, Rankings, Drittmittellogik, Output-Quantität statt Erkenntnisqualität. KI passt in beide Logiken. Sie kann aber die Metric-Ökonomie befeuern, indem sie «Publikationen», Abstracts, Reviews und Anträge in Serie produziert. Die Relevanz für die Gesellschaft: null.
Ein Beispiel reicht: Deepfake- und Meme-Kampagnen müssen nicht überzeugen – sie müssen nur Zweifel säen und den Diskurs vernebeln. Parallel wächst im Wissenschaftsbetrieb die Versuchung, KI als Output-Maschine zu nutzen, um Kennzahlen zu bedienen. Populismus ist laut, Messwahn ist leise – beide sind demokratieschädlich.
Und trotzdem bin ich eher zuversichtlich: Erstens, weil KI auch das Gegenteil kann – Quellenabgleich, Faktenchecks, Mustererkennung in Propaganda-Netzwerken. Zweitens, weil sie Verwaltung und Lehre entlastet: weniger Bürokratie, mehr Zeit für Denken. Drittens, weil die Gegenmittel klar sind: Kennzeichnung synthetischer Inhalte – und im Akademischen eine Rückkehr zu Qualitätssignalen: weniger Metriken, mehr Prüfung, mehr Replikation, mehr Urteil.
Die Frage ist nicht «Fluch oder Segen?», sondern: Schaffen wir Regeln und Mündigkeit schneller, als sich Erregungsökonomie und Messwahn automatisieren? KI macht uns nicht dümmer – aber sie bestraft jede Gesellschaft, die es bleiben will.
Dr. Florian Hartleb ist Professor für International Relations an der Modul-Universität Wien sowie Autor seines im Herbst 2025 erschienenen neuen Buchs «Teenager-Terroristen. Wie unsere Kinder radikalisiert werden – und wie wir sie schützen können».