Israels Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen sieht sich im Ausland wachsender und scharfer Kritik ausgesetzt – selbst von Freunden. Premierminister Benjamin Netanjahu zeigt sich davon unbeeindruckt: Ein Ende der Offensive steht für ihn nicht zur Debatte, solange die Geiseln noch in den Tunnels der Hamas schmachten und die Islamisten nicht entwaffnet sind, behauptet er.
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Die Kontrolle der israelischen Streitkräfte (IDF) über das Gebiet hat sich in den letzten Wochen um mehr als 50 Prozent ausgeweitet. Sollte das Tempo anhalten, dürfte die IDF bald den Grossteil der Enklave beherrschen. Netanjahu hat öffentlich erklärt, dass er die von Donald Trump entworfene Vision für Gaza verwirklichen will – eine Vision, die eine vollständige israelische Kontrolle über das Gebiet und die Umsiedlung der palästinensischen Bevölkerung in arabische Länder vorsieht.
Widerstand auch im eigenen Land
Doch der Widerstand gegen Netanjahus Kurs wächst – zunehmend auch in Israel selbst. Zu den prominentesten Kritikern gehört Yair Golan, Chef der Partei Die Demokraten, die im Juli 2024 durch den Zusammenschluss der Arbeitspartei und der linken Meretz-Partei entstanden ist. Golan, der ehemalige stellvertretende Generalstabschef, verurteilte diese Woche die gegenwärtige Kriegsführung scharf: «Ein vernünftiges Land kämpft nicht gegen Zivilisten, tötet keine Babys zum Zeitvertreib und setzt sich nicht das Ziel, Bevölkerungen zu vertreiben.» Später präzisierte er, seine Kritik richte sich gegen die «gescheiterte» Regierung – und nicht gegen die Armee. Die ehemaligen Premiers Ehud Barak und Ehud Olmert schlossen sich Golans Kritik an.
Die deutlichste Anprangerung, wenn auch nur indirekt, kommt jedoch aus den Reihen des Militärs selbst. In den Wochen nach dem brutalen Hamas-Angriff im Herbst 2023 waren viele Soldaten hochmotiviert in den Krieg gezogen. Heute aber sind zahlreiche Reservisten, die seit Monaten Uniform tragen, körperlich wie psychisch erschöpft. Einige Einheiten stehen kurz vor dem Kollaps, da es an Erholung und gezielter Weiterbildung fehlt, weiss ein Reserveoffizier im Gespräch mit der Weltwoche.
Israels Streitkräfte sind für kurze, intensive Einsätze konzipiert. Doch der Krieg in Gaza dauert nun bald zwei Jahre – so lange wie kein anderer seit 1948. Die Folgen sind gravierend: Die Einsatzbereitschaft sinkt, Burnout ist weitverbreitet, die psychische Belastung wächst. Trotz fortlaufender Mobilisierung und Bemühungen, die Lücken zu schliessen, steht die Einsatzfähigkeit zunehmend in Frage.
Die psychischen Belastungen nehmen alarmierende Ausmasse an: Gemäss einer Studie der Universität Tel Aviv leidet mindestens jeder achte Reservist an schweren Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Suizidrate unter Soldaten hat den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt erreicht. 45 Prozent der Reservisten und 68 Prozent ihrer Partner berichten von anhaltenden psychischen Problemen – häufig begleitet von finanziellen Sorgen.
Eine weitere Studie belegt die tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen des anhaltenden Krieges für Reservisten und ihre Familien. Sie leiden zunehmend unter Beziehungsproblemen, Jobverlusten und psychischen Krisen.
Netanjahu, der die Kritik seiner Freunde im Westen ignoriert, sollte wenigstens die kritischen Stimme von Politikern und Soldaten ernst nehmen. Denn der langwierige Guerillakrieg ohne klare strategische Ziele könnte die Armee an ihre Grenzen führen. Burnout und Verweigerung dürften weiter zunehmen – mit ernsten Folgen für die Einsatzfähigkeit der israelischen Streitkräfte.