In jeder Kommunikation zählt allein der Empfänger, nicht der Sender. Wird man nicht verstanden, gibt es zwei Möglichkeiten: Man wechselt den Kanal, oder man passt die Botschaft an. Dies ist eine Frage der Führung und eine Angelegenheit, die Hochpräzisionsarbeit benötigt.
Nach dem unfassbaren Schock an Neujahr und dem folgenschweren Trauma für Betroffene und auch die Gesellschaft stehen Crans-Montana und die Schweiz unter Beobachtung der Weltöffentlichkeit. Zweifellos stehen die Repräsentanten der Gemeinde in dieser ausserordentlichen Situation vor einem Dilemma. Zu langes Schweigen wirkt intransparent und empathielos, ein schneller Auftritt birgt das Risiko von Fehlern. Denn in jeder Krise gilt: Die grössten Fehler passieren am Anfang.
© KEYSTONE / CYRIL ZINGARO
Gewiss, der Gemeindepräsident Nicolas Féraud ist Milizpolitiker. Ein professioneller Krisenkommunikator ist er nicht. Entsprechend hat er sich Unterstützung von Kommunikationsexperten geholt, und das ist folgerichtig. Umso irritierender war der Auftritt an der missglückten Medienkonferenz vom vergangenen Dienstag. Besonders eine Aussage sorgte für Empörung: Er stellte die Gemeinde als Opfer dieser Tragödie dar.
Es braucht nicht viel psychologisches Verständnis, um den empörten Widerhall vor dem Hintergrund dieser schmerzvollen Tragödie in dieser unfassbaren Grössenordnung nicht vorzusehen. Ebenso wenig schwierig wäre es gewesen, die Fragen der Journalisten zu antizipieren. Möglicherweise war Féraud dem immensen Druck nicht gewachsen und konnte das vorbereitete «Q & A» nicht abrufen. In diesem Fall hätte man auf ein anderes Format setzen müssen.
Eine weitere Erklärung, die nahe an der Realität dieser Ausnahmesituationen liegt: Häufig sichern Anwaltsteams die Kommunikation ab oder greifen aktiv in die Vorbereitung der Kommunikation ein. In Strafverfahren geht es nicht um den materiellen Wahrheitsbeweis, sondern um das, was prozessual bewiesen werden kann. Möglicherweise wurde deshalb Féraud geraten, sich nicht für die offensichtlichen Mängel zu entschuldigen und sein Amt nicht zur Verfügung zu stellen, weil dies – und dies ist hochspekulativ – vor Gericht zuungunsten der Gemeinde hätte ausgelegt werden können.
Führung bedeutet, Entscheide zu treffen und diese dann zu vertreten. Was wiegt hier schwerer: die juristische Schadensbegrenzung angesichts drohender Millionenklagen oder ein Reputationsschaden von unbezifferbarer Höhe, der ein ganzes Land betrifft? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand.
David Schärer ist erprobter Krisenkommunikator und Inhaber der Kommunikationsberatung DS Studio.