Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnt in einem Interview mit der Financial Times, dass das Überleben der Ukraine als unabhängiger Staat weiterhin «offen» sei. Russland intensiviert nach seinen Worten die Angriffe auf die Hauptstadt und nimmt die Energieversorgung gezielt ins Visier. Die anhaltenden Attacken hätten die Stadt «an ihre Belastungsgrenze» gebracht.
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Der Winter mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad stellt die Bevölkerung vor enorme Herausforderungen. Klitschko berichtet von massiven Ausfällen bei Strom, Heizung und Wasser. Russland habe «Hunderte Raketen und Drohnen gleichzeitig» abgefeuert und dabei zentrale Kraftwerke schwer beschädigt. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach zeitweise von mehr als 12.000 betroffenen Wohngebäuden.
Die Reparaturarbeiten gleichen laut Klitschko einem Wettlauf gegen neue Angriffe. Immer wieder müssten Arbeiter Leitungen und Anlagen «von null an» erneuern. Unterdessen versuchen internationale Partner, den Druck auf die Infrastruktur zu mindern. Generatoren, Hilfsgüter und rund 1500 «Invincibility Centres» sollen Ausfälle abfedern, doch die Lage bleibt angespannt.
Zugleich belastet ein politischer Machtkampf die Situation. Klitschko kritisiert Selenskyjs zunehmende Zentralisierung der Staatsführung und verweist auf Ermittlungen gegen zahlreiche Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Das Präsidialamt wiederum wirft dem Bürgermeister vor, Kiew unzureichend auf den Winter vorbereitet zu haben. Zivilgesellschaftliche Gruppen äusserten zuletzt «tiefe Besorgnis» über den Zustand der Stadt.
Klitschko ruft angesichts der angespannten Lage zu innerer Geschlossenheit auf. «Einheit im Land ist der Schlüssel für unseren Frieden und unsere Freiheit», sagte er. Die Ukraine brauche nicht nur einen Waffenstillstand an der Front, sondern auch ein Ende politischer Auseinandersetzungen, die die Handlungsfähigkeit im Krieg schwächten.