Dieser O-Ton hat das Zeug, Fernsehgeschichte zu schreiben! Was sich in Jahren in immer neuen Debatten zum alten Frustthema über Einseitigkeit, Meinungsmache und ausufernde Kosten in folgenlosen Spiralen öffentlicher Erregung drehte, kann jetzt mit einer spektakulären Innenansicht einer ZDF-Mitarbeiterkonferenz im Detail besichtigt und hoffentlich aufgearbeitet werden.
MONIKA SKOLIMOWSKA / KEYSTONE
Der Fall: Am 15. Februar hatte das «Heute-Journal» einen Beitrag über die Einsätze der US-Abschiebepolizei ICE gesendet, in dem ein KI-Video und ein vier Jahre altes, aus dem Kontext gerissenes Video gezeigt wurden, um das vermeintlich brutale Vorgehen von ICE gegen Kinder zu illustrieren. Erst zwei Tage später entschuldigte sich der Sender, kündigte die Abberufung der Studioleiterin in New York, Nicola Albrecht, an, von der der Beitrag stammte. Zuvor hatte sich der Sender in Widersprüche und Lügen verstrickt und für den Fehler «technische Gründe» geltend gemacht. Besondere Brisanz bekommt die Affäre, weil der Intendant des ZDF, Norbert Himmler, in weniger als einem Monat wiedergewählt werden will.
Was nun in spektakulären Leaks ans Licht der Öffentlichkeit kommt, dürfte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seinen Grundfesten erschüttern: Stümperei, Rechthaberei, hilflose Suche nach Ausflüchten, aber auch eine brutale Abrechnung von ZDF-Mitarbeitern mit ihrer Anstalt. Nius veröffentlicht exklusiv Videoaufnahmen und Tonmitschnitte aus der Betriebsversammlung des ZDF, zu der Chefredakteurin Bettina Schausten am vergangenen Montag geladen hatte, um Rede und Antwort im Skandal um ein KI-Video in einem Beitrag des «Heute-Journals» zu stehen. Vor den 1100 versammelten Mitarbeitern gesteht Schausten: Das KI-Video wurde wissentlich verwendet. US-Korrespondent Elmar Thevessen findet dennoch: Kein einziges Wort des Beitrags sei falsch gewesen. Er behauptet: Wir haben uns nichts vorzuwerfen und bilden die Realität ab. Doch einzelne Mitarbeiter äussern schwere Vorwürfe. Die Rede ist von einem «Relotius-Moment» und davon, dass die ZDF-Nachrichten sich zunehmend in «Weltbild-Bestätigungs-Sendungen» verwandelt hätten.
Gerade die Einlassung von Thevessen ist besonders interessant. Er erklärt: «Ich will nur eines sehr klar machen: Kein einziges Wort an den Beiträgen von Nicola war falsch.» Dann führt er aus, dass die Zahl der von ICE inhaftierten Kinder unter Trump deutlich höher liege als unter Obama. Derzeit würden Kinder «bei Operationen von ICE in Wohngebieten, in Restaurants, in Schulen auf offener Strasse eingesackt». Das Ergebnis dieser Politik sei «Angst unter den Menschen in diesen Städten. Genau das hat Nicola absolut richtig abgebildet. Und ich finde es schade, wenn im Grunde das Geraune von Nius und anderen übernommen wird bei uns, wenn wir uns doch tatsächlich in unserer Berichterstattung in dieser Sache wirklich nichts vorzuwerfen haben, sondern die Realität abbilden.»
Mit anderen Worten: Mit gefälschten und verfälschten Bildern habe man das vermeintlich Richtige gezeigt, so Thevessen, der offenbar keine Sekunde lang auf die Idee kommt, wie absurd es ist, ausgerechnet als öffentlicher Rundfunkt mit der vermeintlichen Lizenz zur Wahrheit die Realität nicht mit realen Szenen zu dokumentieren, sondern mit gefälschten. Anders gesagt: Im Dienste unserer Wahrheit sind alle Mittel erlaubt.
Eine Mitarbeiterin legt, das muss man durchaus zur Ehrenrettung des ZDF herausstellen, in aller Sachlichkeit den Finger in die Wunde und berichtet, wie man sich in der Konferenz über die Emotionalität der falschen Bilder gefreut und gegenseitig beglückwünscht habe. Offenbar kam niemand auf die Idee, wie absurd eine solche Weltsicht ist, die für die richtige Sache jedes Mittel erlaubt. Ein erschütterndes Dokument, das zeigt, wie lupenreine Propaganda mit der Selbstgewissheit der eigenen Mission gegen die Aussenwelt imprägniert wird.
Die ZDF-Leaks werden vermutlich erst nach und nach in ihrer ganzen Dimension in das Bewusstsein der Öffentlichkeit einsickern. Ob sie die Wiederwahl von ZDF-Intendant Norbert Himmler beeinflussen, wird man sehen. Wenn es mit rechten Dingen zuginge und man die richtigen Konsequenzen aus dieser ernüchternden Innenansicht des Senders zöge, müsste ein harter Schnitt und Neuanfang her. Ein Reset des ZDF zu den Urtugenden des Journalismus und eine tiefgreifende personelle Erneuerung. Dass so konsequent gehandelt würde, daran hat man im Laufe der Jahre allerdings den Glauben weitgehend verloren. Die Zwangsgebühren fliessen trotzdem und machen solche Fehlentwicklungen erst möglich.