Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat die westlichen Gesellschaftsmodelle, das technokratischen Machtstreben und die staatliche Übergriffigkeit massiv kritisiert. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt warnt der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation und enger Vertraute von Papst Benedikt XVI vor einem Zerfall der moralischen Grundlagen Europas: «Jetzt implodiert, was in den 1960er-, 1970er-Jahren ideologisch aufgebaut wurde.»
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Der 76-jährige Theologe, der heute in der früheren Wohnung von Joseph Ratzinger am Vatikan lebt, kritisiert unter anderem den Einfluss technokratischer Eliten aus dem Silicon Valley. Namen wie Yuval Noah Harari und Peter Thiel nennt Müller explizit: Diese würden mit inhumanen Ideen philosophische Leere kaschieren und technische Innovation mit moralischem Fortschritt verwechseln.
Besonders deutlich wird er in Bezug auf den deutschen Staat, der aus seiner Sicht mit der LGBTQ-Ideologie in religiös-ethische Bereiche eingreife, die ihm nicht zustehen: «Ein Staat, der sich für religiös neutral erklärt, hat weder die Legitimation noch die Kompetenz, sich in ethische und religiöse Fragen einzumischen. Stattdessen übertritt aber die Politik dieses Prinzip und nennt ihre Weltanschauung Wissenschaft.»
Den gegenwärtigen Liberalismus sieht er hingegen kritisch. Die heutigen Magnaten würden darunter verstehen, dass sie «frei von moralischen Gesetzen und nur ihrem Profit gegenüber verantwortlich» sind. «Erst nehmen sie die Menschen aus, akkumulieren ihre Reichtümer, dann schwingen sie sich zu Mäzenen auf.»
Müller selbst wolle sich nicht aufdrängen, sei aber überzeugt, dass Papst Leo seine Schriften kenne: «Ich bete jeden Tag für ihn.»