Kapitalflucht aus dem Machtzentrum: Mitglieder der Revolutionsgarden und politisch gut vernetzte Unternehmer aus dem unmittelbaren Umfeld des Revolutionsführers Ali Chamenei bringen derzeit ihre Vermögen ins Ausland. Dass ausgerechnet diejenigen, die das System mittragen, ihr Kapital systematisch in Sicherheit bringen wollen, zeigt, für wie unsicher sie die Zukunft der Islamischen Republik halten. Wenn die Elite der Islamischen Republik ihr Kapital in die Türkei oder nach Dubai bringt, ist das kein Akt des Widerstands, sondern ein unmissverständliches Misstrauen gegenüber der Zukunft des Regimes.
ABEDIN TAHERKENAREH / KEYSTONE
Das United States Department of the Treasury berichtet seit Ende 2025 von einer deutlichen Beschleunigung gezielter Transfers durch regimenahe Iraner. Wobei – ausgerechnet – die staatliche iranische Melli-Bank mit ihrem internationalen Netzwerk und ihren Geschäftszweigen weltweit eine zentrale Rolle spielt.
Nach Schätzungen der Central Bank of Iran könnte sich der Kapitalabfluss bis März 2026 auf rund 36 Milliarden US-Dollar summieren – etwa 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auffällig ist, dass diese Kapitalbewegungen kaum über traditionelle Bankkanäle laufen. Iran ist vom Swift-System und weiten Teilen des globalen Finanzverkehrs abgeschnitten. Stattdessen dominieren Bargeldtransporte, Hawala-Netzwerke, Scheinfirmen, manipulierte Handelsgeschäfte sowie zunehmend digitale Vermögenswerte. Diese Methoden sind nicht improvisiert, sondern Ergebnis jahrelanger Sanktionsroutine.
Politisch ist diese Entwicklung hochbrisant. Die Revolutionsgarden gelten als letzte stabile Säule des Regimes. Wenn selbst ihre Netzwerke beginnen, Vermögen ausser Reichweite zu bringen, deutet dies auf eine innere Verschiebung hin: Macht wird im Inneren verteidigt, Zukunft aber externalisiert. So sichert sich das Umfeld Chameneis Optionen, ohne offen mit dem System zu brechen. Auch wenn diese Kapitalflucht noch keinen unmittelbaren Zusammenbruch der Islamischen Republik ankündigt, markiert sie einen strategischen Wendepunkt. Autoritäre Systeme halten Repression, Sanktionen und Armut aus – sie zerbrechen aber in dem Moment, in dem ihre Träger nicht mehr an ihre eigene Zukunft glauben.