Trotz militärischer Erfolge und ungebrochener Widerstandskraft bleibt der Westen zögerlich: Die Ukraine könne den Krieg gegen Russland gewinnen – wenn man sie liesse. Zu diesem Schluss kommt die frühere kanadische Aussenministerin Chrystia Freeland in einem Essay für das Portal «Project Syndicate». Daher fordert sie ein Umdenken in der westlichen Strategie.
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«Die eigentliche Frage ist nicht, ob die Ukraine gewinnen kann, sondern ob der Westen das überhaupt will», so Freeland. Vieles spreche für einen Sieg: Kiew kontrolliere heute mehr Territorium als nach Beginn der russischen Invasion, habe Teile der russischen Schwarzmeerflotte zerstört, Drohnentechnologie revolutioniert und eine widerstandsfähige militärische Industrie aufgebaut.
Trotzdem habe der Westen seit 2014 ein Muster der Halbherzigkeit gezeigt – angefangen bei der hingenommenen Annexion der Krim bis zur zögerlichen Lieferung moderner Waffen, schreibt Freeland. «Statt eines Plans für Sieg gab es Konzepte für Patt oder Kapitulation.»
Die Autorin fordert eine Wende: Marschflugkörper, Aufklärungsdaten, Luftabwehrsysteme und Geld müssten sofort bereitgestellt werden. Die Ukraine brauche keine ausländischen Truppen, sondern Mittel, um den Krieg auf russisches Territorium zu tragen und eigene Produktionskapazitäten voll auszulasten.
Zentral sei dabei der Vorschlag von Kanzler Friedrich Merz, russische Zentralbank-Guthaben als Sicherheit für ein 140-Milliarden-Euro-Darlehen zu nutzen – eine Lösung, die politische Spielräume schaffe, ohne nationale Haushalte zu belasten.
Die Ukraine kämpfe nicht nur um Territorium, sondern um eine europäische Zukunft. «Sie verteidigen genau jene Ordnung, an die viele im Westen längst nicht mehr glauben», schreibt Freeland. Wenn Europa und die USA dies nicht unterstützen, überliessen sie Russland den Sieg – mit weitreichenden Folgen für die eigene Sicherheit des Westens.