Journalistische Huldigungen an den Kanzler: Wie staatsnah sind deutsche Qualitätsmedien?
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Journalistische Huldigungen an den Kanzler: Wie staatsnah sind deutsche Qualitätsmedien?

Von der kritischen Distanz zur kollektiven Erleichterung: Beim jüngsten Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz in einem öffentlichen Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) fielen die Masken. Wenn der Herausgeber persönlich applaudiert, ist der Weg vom Journalismus zur Hofberichterstattung nicht mehr weit.
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Es war ein wunderbar erhellender Moment, der tief blicken liess – womöglich tiefer, als es manchem Verfechter der «vierten Gewalt» lieb sein kann. In einem Video-Interview der FAZ präsentierte sich Bundeskanzler Friedrich Merz gewohnt staatsmännisch, rhetorisch geschliffen und mit jener Attitüde des Machers, die das Land nach den bleiernen Jahren der Ampel offenbar herbeigesehnt hat. Doch das eigentliche Ereignis war nicht das Gesagte, sondern das Unausgesprochene im Raum: die fast physisch greifbare unheimliche, sich zur Kenntlichkeit entstellende Harmonie zwischen dem Befragten und dem Befrager.

Journalistische Huldigungen an den Kanzler: Wie staatsnah sind deutsche Qualitätsmedien?

Die Kernbotschaften

Merz sparte nicht mit den grossen Vokabeln. Seine zentralen Aussagen lassen sich als ein Plädoyer für einen neuen, bürgerlichen Patriotismus zusammenfassen:

  • Dankbarkeit als Fundament: Der Kanzler betonte wortreich, wie dankbar man sein müsse, «in einem solchen Land» wie Deutschland zu leben. Es ist die Rückkehr zur Erzählung vom stabilen, wohlhabenden Deutschland, das unter seiner Führung zu alter Stärke zurückfinden soll, ein nostalgisches Wetterleuchten aus guten, fast verblichenen Zeiten.
  • Stabilität vor Experimenten: Merz signalisierte, dass die Zeit der ideologischen Grabenkämpfe vorbei sei. Er verkörpert den Wunsch nach einer Rückkehr zur Ordnung, zur wirtschaftlichen Vernunft und zu einem Staat, der wieder funktioniert.
  • Festhalten an der Brandmauer: Trotz klaren Bekenntnissen zu einer Abkehr vom linksgrünen Kurs betonte Merz die Notwendigkeit, eine Politik aus der Mitte «gegen die Ränder» zu betreiben. An der Brandmauer gegen die AfD sei nicht zu rütteln. Diese Partei wolle das Erbe Adenauers und Kohls in die Tonne treten, die EU und die Nato.
  • Appell an die Eigenverantwortung: Zwischen den Zeilen schwang immer wieder mit, dass der Staat zwar den Rahmen setzt, die Bürger aber (ganz im Sinne des Merz’schen Weltbildes) wieder mehr Eigeninitiative zeigen müssen.

Der Sündenfall: Applaus vom Herausgeber

Vor allem beim Thema Brandmauer hätte man sich ein forscheres Nachfragen gewünscht, aber man sah, dass der Interviewer die Botschaften von Merz weitgehend teilte. Dabei wäre es interessant gewesen nachzubohren, ob diese Brandmauerbegründung wirklich standhält.

Will die AfD wirklich raus aus der Nato und der EU? Wenn ja, warum sollte man nicht darüber diskutieren? Ausserdem lehnen prominente AfD-Mitglieder wie Alexander Gauland solche Positionen ab und denken wie Merz. Zudem dürfte es der AfD als Juniorpartner in einer CDU-Koalition kaum gelingen, ihre Haltungen eins zu eins durchzusetzen, sonst dürfte Merz erst nicht mit einer SPD koalieren.

Man hätte auch fragen müssen, ob Merz mit der Ausgrenzung nicht gerade dazu beiträgt, die AfD immer grösser zu machen. Mit einer Einbindung jetzt aus einer Position der Stärke könnte er seine Asyl- und Reformpolitik sofort mit der AfD durchsetzen, die aussenpolitischen Hardliner der AfD aber noch zurückbinden. Sollte die CDU noch mehr schrumpfen, wäre diese Chance dahin. Nichts davon wollte der Interviewer wissen. Er liess allerdings durchblicken, dass seine Abneigung gegen die rechte Opposition mindestens so gross ist wie die des Kanzlers.

Das eigentlich Bemerkenswerte, Entlarvende – zumindest für jene, die noch an die Trennung von Politik und Presse glauben – geschah dann allerdings am Ende des Gesprächs. Berthold Kohler, einer der Herausgeber der FAZ und damit einer der mächtigsten und einflussreichsten Publizisten des Landes, tat das für einen Journalisten in einer solchen Situation eigentlich Undenkbare: Er applaudierte seinem Interviewpartner. Dies, nachdem er des Kanzlers Schlusswort noch mit einem huldvollen «Amen» quittiert hatte.

Es war kein höflicher Pflichtapplaus, es wirkte wie eine Entladung. Ein Moment des erleichterten, sich gegenseitigen sinnbildlichen Umarmens. Man spürte förmlich den Stein, der dem Herausgeber des bürgerlichen Feuilleton-Blattes vom Herzen gefallen ist: Endlich sitzt wieder einer im Kanzleramt, der «unsere» Sprache spricht, der die Weltbilder des Frankfurter Westends teilt und der den medialen Eliten das Gefühl gibt, jemand zu sein und wieder dazuzugehören. Wir in der «demokratischen Mitte» gegen die Barbaren da draussen vor den Toren.

Staatsnähe oder Symbiose?

War dieser Applaus irgendwie symptomatisch für den Zustand der deutschen Qualitätsmedien? Die Distanz, die das Wesen des Journalismus ausmachen sollte, ist einer fast rührenden Schicksalsgemeinschaft gewichen, einem medial-gouvernementalen Komplex. Man kritisiert nicht mehr, man bestätigt sich gegenseitig in seinen einvernehmlichen Wahrnehmungen.

Wenn der Herausgeber der vermeintlichen konservativen Instanz FAZ vor dem Kanzler dermassen einknickt, schliesst sich die Frage an: Wer kontrolliert hier eigentlich wen? Die journalistische Huldigung an Merz zeigt, dass Teile der Presse sich nicht mehr als Wächter der Demokratie verstehen, sondern als deren Kuratoren, vielleicht als Bodyguards – mit einer klaren Vorliebe für das Personal im Kanzleramt.

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