Zweimal hat er es versucht. Zweimal ist er gescheitert. Seine Partei, die Demokraten, verweigerte ihm die Kandidatur für die Präsidentschaft. Zuerst 1984 und 1988 noch mal.
Trotzdem ging Jesse Jackson in die Annalen ein: als der erste schwarze Amerikaner, der eine landesweite Kampagne für das Weisse Haus führte. Lange vor Barack Obama.
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In den Köpfen der Amerikaner löste Jackson einen Prozess aus. Er brach ein Tabu, wie das Time Magazine in einer Titelgeschichte konstatierte. Dank Jacksons Effort rang zum ersten Mal in der Geschichte der USA «eine grosse politische Partei mit einer der grössten hypothetischen Fragen überhaupt: Was wäre, wenn die demokratischen Wähler tatsächlich einen schwarzen Mann zum Präsidentschaftskandidaten nominieren würden?»
Als es 2008 so weit war, schien Jackson nicht besonders erbaut. Mit Obama wurde er nie warm. Der junge Mann, der in seinen Fussstapfen folgte, würde «die Schwarzen herablassend behandeln», beklagte er sich.
Jackson verstand sich als Advokat der Minderheiten, Arbeiter und wirtschaftlich schlecht Bemittelten. Er war ein Kind des segregierten Südens.
1941 wurde er als Jesse Louis Burns in Greenville, South Carolina, geboren. Seine Mutter war gerade mal sechzehn Jahre alt. Sein Erzeuger war ein 33-jähriger verheirateter Nachbar. Den Namen Jackson erhielt er von seinem Adoptivvater, einem Postbeamten.
Seine eigentliche Vaterfigur traf Jackson in Dr. Martin Luther King Jr. Er schloss sich dem Bürgerrechtler an. Und er war an Kings Seite, als dieser 1968 im Lorraine Motel in Memphis von einem Attentäter ermordet wurde.
Jackson, ein ordinierter Baptistenprediger und begnadeter Redner, vertrat die Auffassung, dass die USA moralisch verpflichtet seien, zur Verbesserung der Lebensumstände einkommensschwacher Menschen beizutragen. Diese Botschaft verbreitete er mit flammenden Worten.
Auch nachdem er an Parkinson erkrankte. «Ich bekräftige nachdrücklich, dass ich lieber verschleisse als verroste», erklärte er nach der erschütternden Diagnose.
Jackson blieb ein beliebter Gast auf demokratischen Anlässen, wo man ihn als lebende Legende feierte. 2018 trafen wir ihn am Rande des Demokraten-Konvents in Chicago zum Gespräch. Es gestaltete sich schwierig. Sein Körper war in Starre gefangen. Die Sätze waren kurz, immer wieder unterbrochen von erzwungenen Pausen.
Doch in seinen Augen leuchtete das Feuer des Widerstands. Präsident Donald Trump schien ihn mit neuer Energie zu versorgen. In Trump sah er die Personifizierung von allem, was er stets bekämpft hatte. Er sei «pathologisch und korrupt und gierig», sagte er. «Mit Trump gibt es nichts zu diskutieren, ausserdem ist ihm nicht zu trauen.»
Immerhin war während Trumps ersten Amtsjahres die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen auf den tiefsten Stand seit über dreissig Jahren gesunken. «Zollen Sie ihm Anerkennung dafür, Reverend?», fragten wir ihn.
Jackson blieb unbeeindruckt. Die Beschäftigungsquote für Schwarze sei gut, «aber unsere Löhne sind zu tief. Die Erwerbsarmen, working poor, können sich keine Ausbildung, keine Gesundheitsversicherung, keinen Transport leisten.»
Die Worte kamen Jackson in den folgenden Jahren zunehmend schwer über die Lippen.
Seine Stimme glich einem Stakkato. Doch als sie am dringendsten gebraucht wurde, war sie zu hören.
Anlässlich der Unruhen nach dem Tod von George Floyd baten wir ihn am Telefon, seine Sicht der Lage der Nation zu schildern. Mit Schrecken stellten wir alsbald fest, dass Jackson auf der Aufnahme kaum zu hören war. Da setzte sich der Doyen der Bürgerrechtsbewegung hin und zeichnete das gesamte Interview von neuem auf.
Was er zu sagen hatte, war wohltuend in aufwühlenden Zeiten. «Gewalt lenkt nur ab», sagte er an die Adresse der Randalierer auf den Strassen Amerikas. «Keine Form von Gewalt bringt uns weiter.»
Dann beschwor er den Geist von Martin Luther King Jr.: «Wir Schwarzen sind nicht die Gegenkultur. Wenn wir uns alle gemeinsam für den Wandel erheben, wird es ein anderes Amerika geben, die mächtigste Nation auf Erden.»