Jean-Michel Cina, ein herangereifter, weisser Mann aus der Boomer-Generation, ist plötzlich Feminist. Der SRG-Präsident hat bei der traditionellen Osterlammbruderschaft eine Rede gehalten, die auch von SP-Nationalrätin Tamara Funiciello hätte stammen können.
«War unser Land gut zu unseren Müttern?», fragte der frühere CVP-Staatsrat, schliesslich hätten die Mütter «uns alle unter Schmerzen, mit grosser Hingabe, ins Leben hinausgepresst». Cinas Rede war eine Kritik an der anscheinend männerdominierten Schweiz, wo die Frauen selbst fünfzig Jahre nach dem Stimmrecht teils immer noch diskriminiert seien.
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Bei der Bruderschaft, die sich jeweils am Ostermontag trifft und wo Frauen nicht zugelassen sind, sei Cinas Rede mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden. «Im SRG-Biotop in Zürich herrscht freilich eine etwas buntere Biodiversität als in der Walliser Politik», hielt der Walliser Bote treffend fest.
Tatsächlich ist CVP-Mann Cina nicht als Frauenförderer bekannt geworden. Er soll sogar die CVP-Bundesrätin Ruth Metzler zum Weinen gebracht haben. Am Vorabend der Wahlen 2003 soll Fraktionschef Cina und Parteipräsident Philipp Stähelin sie unter Druck gesetzt haben, im Fall einer Abwahl auf den übrigbleibenden zweiten CVP-Sitz zu verzichten.
Als am Morgen darauf die Bundesversammlung Blocher statt Metzler gewählt hatte, empfahl Cina im Namen der CVP-Fraktion denn auch nur Joseph Deiss zur Wahl, Metzler liess er fallen. In diesem Sinn ist es folgerichtig, wenn Cina «unsere Mütter, unsere Grossmütter» lobt. «Sie waren es, welche diesen Fortschritt im Interesse unseres Landes erreicht haben», sagte er vor den Brüdern. Wohl wissend: Er selbst, der Neo-Feminist, war es nicht.