Lima
Primitive Beleidigungen und Beschimpfungen seiner politischen Gegner waren schon immer ein Markenzeichen des Javier Milei. Ohne die Aufmerksamkeit, die sie im bescherten, wäre der kometenhafte Aufstieg des Underdogs zum Präsidenten Argentinien kaum denkbar gewesen. Doch jetzt, wo ihm die Weltbühne zu Füssen liegt, wo er sich an unbestreitbaren Erfolgen sonnen könnte, wirkt seine Unflätigkeit zusehends irritierend bis arrogant und peinlich.
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611 grobe Beschimpfungen, davon 57 aus der untersten Schublade der Fäkalinjurien, zählte die Zeitung La Nación bei den öffentlichen präsidialen Äusserungen in den letzten hundert Tagen. Das ist sogar noch eine Steigerung gegenüber Mileis erstem Amtsjahr, von 0,7 auf 1,62 Fäkalinjurien pro Stunde Redezeit. Milei gebärdet sich wie ein Süchtiger, der die Dosis stets steigern muss, um noch einen Effekt zu erzielen. Wo wird das bloss enden?
Javier Milei hat nun öffentlich versprochen, künftig auf alle Verbalinjurien zu verzichten. Im Oktober stehen Zwischenwahlen an. Die Regierung sollte ein Interesse daran haben, dass man über ihre Erfolge – Bändigung der Inflation, Rückgang der Armut, spektakuläre Wachstumsraten – diskutiert statt über die Flucherei des Präsidenten. Um die Reformen zu konsolidieren und zu vertiefen, ist Milei dringend auf Stimmen aus der Mitte und vielleicht sogar aus dem linken Lager angewiesen.
Wie Umfragen zeigen, kommen Mileis Schimpftiraden höchstens bei den unter 30-jährigen Männern und Teilen der Unterschicht halbwegs an. Und diese braucht er nicht mehr zu überzeugen. Die allermeisten Argentinier fühlen sich davon abgestossen. Trotzdem zweifeln die meisten Kommentatoren, dass sich Milei an sein Gelübde der verbalen Enthaltsamkeit halten wird.
Dass er sich um Gefälligkeiten, Wahltaktik und Konventionen foutiert, den Konflikt nachgerade herausfordert und frei von der Leber weg herausposaunt, was ihn umtreibt, verschafft Milei eine einzigartige Glaubwürdigkeit in einem politischen Umfeld, das (mit Fug) als durch und durch korrupt und verlogen gilt. Schliesslich steht die Rebellion gegen «Wokeness» und «Political Correctness» ganz zuoberst auf dem Banner des Libertären. Der unablässige Kampfmodus liegt gleichsam in der DNA des Phänomens Milei. Eine Mässigung könnte von seinen Anhängern schnell als Verrat und Zeichen von Schwäche gedeutet werden.
Die verbalen Exzesse sind immerhin exklusiv dem Chef vorbehalten. Die Schlüsselfiguren seiner Crew – die Minister Guillermo Francos, Luis Caputo, Patricia Bullrich und Federico Sturzenegger, Vizepräsidentin Victoria Villarruel, die Sekretärin Karina Milei und der Sprecher Manuel Adorni – treten partout ausgesprochen sachlich und freundlich auf, geradlinig bezüglich der Ziele, aber pragmatisch in der Umsetzung. Vor diesem Hintergrund dürften die meisten Argentinier die abstossende Seite des Javier Milei schlucken, solange die Resultate stimmen. So wie sie auch Diego Armando Maradona, den viele bis heute wie einen Gott verehren, seine unsäglichen Rüpeleien und Exzesse verziehen haben.