Israels Generalstabschef Eyal Zamir sieht die Einsatzfähigkeit der Israel Defense Forces akut bedroht und spricht intern bereits von einem möglichen inneren Zusammenbruch. Sein Appell an die Politik ist unmissverständlich: Ohne rasche, tiefgreifende Entscheidungen droht die Armee ihre Belastungsgrenze zu überschreiten.
Damit tritt eine grundlegende Krise offen zutage: Die militärischen Anforderungen wachsen schneller als die personellen Ressourcen. Zwischen strategischem Anspruch und realer Belastbarkeit klafft eine immer grössere Lücke – und die Frage, wie lange dieses System noch trägt, wird zur sicherheitspolitischen Schicksalsfrage.
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In einer Sitzung des sicherheitspolitischen Kabinetts zeichnete Zamir ein düsteres Bild. Er habe «zehn rote Flaggen» gehisst, berichtete der TV-Sender Channel 13. Seine Forderungen: ein umfassendes Wehrgesetz, das auch bisher weitgehend befreite Gruppen einbezieht, also auch die Orthodoxen, eine grundlegende Stärkung der Reserve sowie eine Verlängerung des Pflichtdienstes. Andernfalls, so seine Warnung, werde die Armee schon in absehbarer Zeit ihre regulären Aufgaben nicht mehr erfüllen können. Besonders die Reservisten, die seit Oktober 2023 über Monate hinweg im Dauereinsatz stehen, seien am Rand ihrer Belastbarkeit.
Der Hintergrund dieser Warnung ist eine immer weiter zunehmende militärische Belastung. Israels Streitkräfte operieren gleichzeitig an mehreren Fronten – im Libanon, im Gazastreifen, im Westjordanland, in Syrien und darüber hinaus gegen Ziele im Iran. Die Zahl der Einsätze wächst kontinuierlich, während zugleich zusätzliche Kräfte gebunden werden, etwa zum Schutz neuer Siedlungen im Westjordanland. Die Diskrepanz zwischen Auftrag und verfügbaren Ressourcen wird damit immer grösser.
Premierminister Benjamin Netanjahu, der für die Sicherheit des Landes zuständig ist, schwieg zu dieser Bestandesaufnahme des Armeechefs. Anfragen von Reportern zu der alarmierenden Einschätzung seines Armeechefs beantwortete er nicht.
Oppositionsführer Jair Lapid wirft der Regierung vor, die Warnungen bewusst zu ignorieren. Im Falle einer neuen Katastrophe könne sie sich nicht mehr auf Unwissen berufen. Zugleich kündigte er an, finanzielle Privilegien für Wehrdienstverweigerer zu streichen und eine allgemeine Wehrpflicht durchzusetzen.
Auch Ex-Premier Naftali Bennett unterstützt die Analyse von Generalstabschef Zamir – und spricht von einem Mangel von rund 20.000 Soldaten. Eine Regierung, die von radikalen Koalitionspartnern abhängig sei, könne weder Sicherheit garantieren noch militärisch bestehen.
Der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot warnte ebenfalls, die politische Führung könne nicht länger behaupten, von alledem nichts gewusst zu haben.
Dass Zamirs Warnung auch im arabischen Raum aufmerksam verfolgt wird, versteht sich von selbst. Offizielle Reaktionen aus Staaten wie Ägypten oder Jordanien bleiben zwar zurückhaltend. Hinter den Kulissen jedoch werden die Warnungen des Generalstabschefs teils mit Genugtuung, teils mit vorschnellen Schlüssen aufgenommen.
Die Äusserungen von Eyal Zamir gelten dabei in Teilen der arabischen Öffentlichkeit weniger als interne Mahnung, sondern als Hinweis auf eine mögliche strategische Überdehnung Israels – eine Deutung, die wohl mehr über politische Erwartungen und Wunschbilder aussagt als über die tatsächliche Lage vor Ort.
Anmerkung: Der Text wurde mit den Reaktionen aus dem arabischen Raum ergänzt.